Thema: Berufung

Samstag, 7.5.2005. Nach gültigem schriftlichen Tun mit Vortagsanteil blieb gestern mein Seniorzeuge Jehovas aus, aber dafür war im Postkasten eine ausnehmend beseligende Geburtsanzeige vom Sternchen mit zwei Fotos des lächelnden Babys und erstmals dem vollen Namen Theresa Zoé und dem Mädchennamen meiner Tochter. Der Kindsvater war Einserschüler, das merkt man am durchdachten Text der Anzeige: "Unser Glück hat Gestalt angenommen ... und was für eine süße !!! 3280 gr. schwer, 49 cm lang." Es war mir nicht möglich, die träumende Unschuld der Fotos mit dem jüngsten Erbsünde-Text in Beziehung zu setzen, wohl aber sah man in Theresas transzendenzunmittelbare Beselbstung im Mutterleib der Schöpfung Mensch deutlich an. Ein warmblütiges Ehetelefonat, passend zum Oma-Foto an der Bildergitarre, war dann das Sahnehäubchen. Das gestrige Hauptmerkmal war Familienglück auf Distanz. - Der Erbsünde-Text war natürlich heute im bipolaren Morgen-Grauen Gegenstand intensiver Wegwerfimpulse. Ich hatte ihn abends dem überraschend unpäßlichen Filius zugefaxt und war begreiflicherweise auf Ablehnung gestoßen. Doch inzwischen hat die Zensurlektüre sogar seine Internetfähigkeit erwiesen, wenn er sich auch nur an theologische Profis wendet und für den Laien kaum verständlich ist. Die Wortschatzer- weiterung "Empirie gefühlter Erbsünde" ist weiterführend und gerade morgen, am sechzigsten Jahrestag der Befreiung vom Hakenkreuz, von intersubjektiver Plausibilität. Ich bin für diese Empirie biographisch nur besonders gerüstet, aber nach- vollziehbar müßte sie eigentlich für meine ganze Generation Landsleute sein. - Deshalb ist mein elaboriertes Unterlaufen von Darwins Attacke gegen den Kreationismus und die Rettung der Pointe von Genesis 3 eine kognitive Großtat, auf die ich stolz sein kann. In meinem Vaterland zeigt sich die Empirie gefühlter Erbsünde weltweit am deutlichsten, weil es im Herzen des heuristisch priviligierten Abendlandes kollektiv in Sünde gefallen ist, und zwar mit der größtmöglichen Fallhöhe, vom Tempeldach, auf Betreiben des Vaters der Lüge. Hier ist der Mythos von Eden wirklich einschlägig. Für seine inspirierte Wahrheitsförmigkeit ohne paläoanthropologische Faktizität können wir hierzulande wohl auf zeitgeschichtlicher Grundlage am besten bürgen. Sein Verfasser, nicht Moses, sondern vermutlich ein begnadeter Theologe am Hof König Davids, war ein Instrument göttlicher Offenbarung, das nicht durch die historischen, wohl aber durch die metaphysischen Tatsachen in vollem Umfang gedeckt ist. - Das gilt auch für die Schlange von Eden, die in wechselnder Gestalt durch die Weltgeschichte zieht und von Exorzismen nicht zu beeindrucken ist. Sie muß wohl auch auf der Täterseite des Abgrunds Auschwitz im Spiel gewesen sein, denn dessen ultimativer Frevel übersteigt selbst unmenschliches Maß. Die Kirche lehrt die Sanktion ewiger Gottesferne nur für den, der in schuldhafter Absonderung, von Gott dessen Liebe zurückweist, also die Sünde wider den Heiligen Geist begeht. Wenn nun die Schlange von Eden in Auschwitz mitursächlich gewirkt hat, müßte eigentlich das posthume Erwachen der Täter unter Transzendenzbedingungen und das "tat twam asi" mit der Opferseite beim Lebenspanorama im Beisein der Richtergestalt in letzter Linie ausreichen, die Sünde wider den Heiligen Geist vermeiden zu helfen. - Damit wäre das Wörtchen "ewig" im Höllendogma des katholischen Weltkatechismus vom Tisch und es wäre der Weg frei für ein stärkeres Gewichten von 1. Korinther 15,28 gegenüber der Drohbotschaft des Evangeliums. Die metaphysische Korrelation von Kreuz und Hakenkreuz ist also außerordentlich ertragreich und löst Probleme, die immer wieder weltweit auftreten und nicht nur von partikularem Interesse sind. Für diese Korrelation hat der neue Papst kraft Herkunft in herausragender Weise das Mandat. Deshalb erwarte ich mir von seinem Pontifikat viel. Die frossardbeglaubigte päpstliche Unfehlbahrkeit in Glaubensfragen läßt mich auf sein Amtscharisma mit ehrfüchtigem Respekt blicken. Als brillanter Theologe muß er den Gordischen Knoten nicht durchhauen, sondern kann ihn aufdröseln. Ich bin gespannt, ob und wie unser Mann im Vatikan das anpackt. Berufen ist er jedenfalls wie kein anderer vor ihm. Meine Berufung reicht nur bis zum Buchstabenkompost in der Vitrine für die Enkel, die seine gilt urbi et orbi.