Thema: Eden

Freitag, 6.5.2005. Ich habe als Mitläuferkind mit Hakenkreuzwurzeln eine lebendige Vorstellung vom Erbsündebegriff. Wie der zustandekommt, sagt Genesis 3, die Basis des Mysteriums Christi, aber nicht als paläonthropologische Tatsache, sondern als inspirierter wahrheitsförmiger biblischer Mythos. Wer ihn antastet, tastet das Mysterium Christi an, dessen Sterbensmission es war, die eschatologischen Konsequenzen der Erbsünde, auch rückwirkend, zu tilgen, wodurch sie zur Mitte der Geschichte wurde. Der Sündenfall ist offenbart, doch nicht als Ereignis in Raum und Zeit, sondern als transhistorische Qualität aller Ereignisse in Raum und Zeit, mit einer Ausnahme: der unbefleckten Empfängnis Mariens. Diese Ausnahme bedeutet, daß die lapsarische conditio humana nicht seinsnotwendig ist und daß ihre immanentistischen und trans- zendentistischen Folgen also nicht dem Schöpfer zur Last liegen, der gute Schöpfung wollte und nicht Adams gottverfluchten Ackerboden. Das Lourdes-Dogma kam gerade rechtzeitig, um Darwins Attacke auf den Kreationisms den Wind aus den Segeln zu nehmen. - Der Kreationismus bis hin zu Genesis 3 will nämlich nur besagen, daß der Mensch freien Willens die Schöpfung verpfuscht hat und nicht Gott. Durch die frossardbeglaubigte Erbsündlosigkeit Mariens wird nun die Eintreffenswahrscheinlichkeit des Sündenfalls von hundert Prozent, wenn auch knapp, verfehlt, und deshalb kann der Neodarwinismus getrost, übrigens inzwischen mit Billigung der römischen Glaubenskongregation, bis zum Urknall zurückrechnen, seine Resultate ändern nichts an der ontologischen Nachrangigkeit der menschlichen Fallibilität. Damit ist C.G. Jung widerlegt, der gnostisch mahnte “das Böse will mitleben” und der das "Axiom der Maria" aufstellte, demzufolge alle unbewußte psychische Ganzheit zur Quaternio statt zur Trinität strebt. Die Una Sancta aber sieht im Bösen nur die privatio boni und mißt ihm so keinen eigenen ontologischen Rang zu. Das gestrige Hauptmerkmal war mein kognitives Griffelgebet in Sachen Erbsünde. - Sünde bedeutet schuldhafte Absonderung von Gott. Selbst wer seine ererbte Fallibilität nie aktualisieren sollte, wäre doch im Stand der Sünde und der Erlösung bedürftig. Vielleicht hängt damit mein notorischer Versündigungswahn im bipolaren Morgen-Grauen zusammen, der ich doch ethisch einigermaßen unauffällig bin und justiziablen Frevel nicht auf dem Kerbholz habe. Auch mein Instinkt für die Allverbundenheit des brahmanistischen "tat twam asi" könnte bei dieser Empirie der gefühlten Erbsünde eine Rolle spielen. Meine pathologische Ichschwäche wäre demnach in Bezug auf die nicht faktische, nur mythische Basis des Mysteriums Christi ein heuristisches Privileg. Damit würde ich Darwin ein Schnippchen schlagen, dessen Attacke auf den Kreationismus dem Mysterium Christi die Geschäftsgrundlage zu entziehen drohte, weshalb Karl Rahner lebenslang nach einem paläoanthropologischen Beweis für den Monogenisms der Stammeltern Ausschau hielt. - Der Protestant Paul Tillich durchhieb den Gordischen Knoten und sagte "die Erbsünde ist ein Faktum, egal wie wir sie nennen, und woher sie kommt, ist nachrängig". Diese einzige Paradoxie in seiner systematischen Theologie ist die Tapetentür in seinem marmorkalten theologischen Zirkel apologetischen Christentums. Nur durch diese Tür kann man in den Unglauben entweichen, ansonsten sind für den, der mitdenkt, alle Schotten dicht. Durch das Lourdes-Dogma der Erbsündlosigkeit Mariens wird darüberhinaus die ontologische Nachrangigkeit der menschlichen Fallibilität erwiesen und damit die Pointe von Genesis 3 gerettet, die besagt, daß der Mensch freien Willens aber nicht seinsnotwendig die Schöpfung verpfuscht hat. Damit ist Tillichs Tapetentür wieder verriegelt und auch die liebe neodarwinistische Seele hat Ruh. - Warum ich mich in diese Thematik derart verbeiße, hat noch einen besonderen Grund. Ich habe nämlich ein Familiensiegel mit Eden-Heraldik qeerbt und diesem nach langem Ringen die unterwegs aufgeschnappte katholische Devise "ab ligno mors ab ligno vita" hinzugefügt. Damit ist natürlich gesagt, daß vom Holz des Baumes der Erkenntnis die schuldhafte todbringende Absonderung von Gott herrührt und daß das Holz des Kreuzesstamms von Golgatha ewiges Leben bringt. Wenn nun Genesis 3 nur ein neodarwinistisch widerlegter kreationistischer flatus vocis ist, kann ich mein Erbstück auf dem Flohmarkt verkaufen, ansonsten ist es von hohem ideellen Wert. Meine vordarwinistischen Ahnen hatten mit der tradierten Devise "moderata durant" noch an die Möglichkeit von Selbsterlösung geglaubt. Aber sie waren Lutherische, da kommt es auf einen Schnaps nicht an. So wurde mir kraft Ahnenerbe Eden lebenslang zum Thema, noch dazu auf dem Hintergrund meiner Hakenkreuzwurzeln einer Herkunftsfamilie, die im Dritten Reich versagt hat. Wie sollte mir da die Empirie gefühlter Erbsünde verschlossen bleiben?