Thema: Das Kleingedruckte

Donnerstag, 28.4.2005. Noch vor Textschluß rief gestern meine Frau an, um zu sagen, daß sie nachher nicht erreichbar sein würde. Das Gespräch war ausgedehnt, warm, vertraut, zugewandt und inhaltlich. Wenig später klopften Bruder Efeu und seine Holde an die Haustür, weil sie mangelhalber auf ihren bei mir deponierten Kaffeevorrat zurückgreifen wollten. Mit ihrem Aufbruch überließen sie mich dann dem Radioschall in der Mittagsstunde. Damit war ich wieder im Rhythmus. Dem psychoakustischen Tor zur Welt war abzulauschen, daß der neue Papst seinen Namen des heiligen Benedikt gewählt hat, weil der die kulturellen und zivilisatorischen Wurzeln Europas symbolisiert. Ein Name der christlichen Einheit des Abendlandes also, eine kluge Wahl, die Programm ist aber meine Frau nicht interessiert. Trotzdem war das gestrige Hauptmerkmal meine Rückkehr zur ehelichen Vertrauensbasis. - Meine bessere Hälfte interessiert das Papsttum nur politisch, nicht lehramtlich, während ich die frossardbeglaubigte apostolische Sukzession zum Anlaß nehme, dogmatisch mitzudenken. Die Orthodoxie und die Kirchen der Reformation haben die apostolische Sukzession aufgekündigt, damit entfallen bei ihnen die gültige Priesterweihe und das Eucharistiegeheimnis. So sind sie Kirche nicht im Vollsinne, was der sichtbaren Einheit aller Christen im Wege steht. Ein sorgfältig abgestufter Primat des Bischofs von Rom auf dem Stuhl Petri in versöhnter Verschiedenheit ist deshalb eine politische, keine lehramtliche Frage. Lehramtlich ist die Einheit nur durch Konversion herzustellen. Wenn der neue Pontifex der Kunst des Möglichen stärker mächtig ist als sein Vorgänger, kann er es vielleicht zum primus inter pares aller Konfessionen bringen und damit seinen Traum von der Sichtbarkeit der christlichen Einheit verwirklichen, ohne am frossardbeglaubigten Lehramt Abstriche machen zu müssen. Aber das ist Politik, nicht Gottesdienst. - Nur, daß die christliche Einheit ein biblisch fixiertes Anliegen Jesu ist, macht das auch zu Religion. Papst Benedikt will als mutiger Apostel der Versöhnung und des Friedens wirken, sagte er bei seiner ersten Generalaudienz auf dem Petersplatz vor mehr als zehntausend Gläubigen. Damit ist ausgedrückt, daß sich der ehemalige Chef der römischen Glaubenskongregation in der apostolischen Sukzession weiß und damit durch die Papstwahl des Konklaves auch das Amts- charisma der Unfehlbarkeit in Glaubensfragen angelegt hat. Dieses erste Pontifikat nach der zweiten Jahrtausendwende ist das erste, dessen Beginn ich als Katholik bewußt miterlebe. Deshalb achte ich besonders aufs Kleingedruckte, wo andere vielleicht nur "wird schon stimmen" sagen. Aber das Kleingedruckte ist mit Ausnahme des Wörtchens “ewig" im Hüllendogma durchweg frossardbeglaubtigt. - Wem weder Frossard noch das Kleingedruckte etwas sagen, wie meiner Frau, der kann schwer ermessen, wie spannend ich diesen zielführenden Neuanfang finde und weshalb es bei mir immer wieder päpstelt und nicht tagespolitikt. Mit der Wahl dieses Landsmanns zum Papst sind wir wieder wer und ein Gelingen seiner hochfliegenden Pläne in der verbleibenden Lebensspanne ist auch im nationalen Interesse. Die christliche Einheit des Abendlandes unter der Ägide eines ehemaligen Hitlerjungen und Flakhelfers mit Problem- bewußtsein in Sachen Frevel und Gnade würde der mensch- heitsgeschichtlichen Singularität Auschwitz viel von ihrer Aporie nehmen und die Endlagerung des radioaktiven Hakenkreuzes am Fuß des Kreuzesstamms von Golgatha ein gutes Stück näherrücken. Sechzig Jahre nach der Stunde Null ist deshalb jene römische Generalaudienz hierzulande auch nationale Tagespolitik. - Daß unser Mann im Vatikan vor allem das Mandat der Dritten Welt hat, liegt daran, daß das Hakenkreuz eine innereuropäische, nicht kolonialistische Angelegenheit ist. Auch sitzen die Zeitgeistler im Kirchenvolk vor allem im säkularistischen Abendland, das in der Weltkirche längst die Minderheit darstellt. Der Neue muß einen großen Laden zusammenhalten und kann auf dem träge manövrierenden Supertanker Una Sancta nicht jedem Wink der beweglichen Freischar der Theologen Rechnung tragen. Aber im Gegensatz zu seinem Vorgänger ist er selbst ein brillanter Theologe auf der Kapitänsbrücke. Es wird für mich lustvoll werden, da dogmatisch mitzudenken. - Ich habe von der Kirche ja sonst nichts als das bißchen Klickediklick der Großhirnrinde auf Distanz. Hostienverzehr setzt das Bußsakrament voraus und zur Beichte gehe ich nicht, weil ich Todsünde Zungenkuß und Leberkäs am Karfreitag für vernachlässigbar halte, so lange der Höllenrachen auf katholischem Papier noch "ewig" gähnt. Soll der Weltkatechismus erst mal seinen entzündeten Blinddarm loswerden, dann reihe ich mich vielleicht auch wieder ein ins Mäh und Bäh auf der Weide unterm Krummstab des guten Hirten. Bis dahin bleibe ich ein einsamer Wolf. Ich lese nämlich das Kleingedruckte, um Risiken und Nebenwirkungen auszuschließen.