Thema: Der Wurmfortsatz

Samstag, 23.4.2005. Nach gültigem schriftlichen Tun mit Vortagsanteil blieb ich gestern ohne Freitagsbesucher. Den jüngsten Text zur aporetischen Hakenkreuzfrage hätte ich gern dem Sohn fürs Internet angeboten, war aber pleite. Zwar beträgt mein Monatseinkommen etwa soviel wie das eines Kardinals, und der Papst hat überhaupt kein eigenes Geld, so daß er nichteinmal ein Eis essen gehen kann, aber die fixen Kosten schlucken bei mir den Großteil, weshalb ich im persönlichen Bereich ein Habenichts bin. - Das frostige Ehetelefonat dann besagte, daß ich nur d i e Freunde nicht vergrätze, die mir nicht das Wasser reichen können, und den gleichrangigen alten Freundeskreis mit Verachtung strafe. Wird schon stimmen. Außerdem war beiläufig zu erfahren, daß der neue Papst im ersten Wahlgang nur achtunddreißig, im letzten dagegen hundert Stimmen bekommen hat und zunächst zögerte, die Wahl anzunehmen. Nun will er, so hieß es im anschließenden Radioschall, den interreligiösen Dialog suchen und die Versöhnung mit dem Judentum besonders fördern, Hakenkreuz-Herkunft hin oder her. Das gestrige Hauptmerkmal war ein ehelicher Temperatursturz in Verbindung mit stabiler Vatersohnschaft. - Mein Filius hatte abends mein Fax des jüngsten Textes zustimmend zur Kenntnis genommen, obwohl dieser ja letzten Endes Sorge um das Seelenheil von Hitler, Himmler, Göring und Goebbels zum Ausdruck bringt. Das war mir heute im Morgen-Grauen Anlaß für einen starken Wegwerf-Impuls. Inzwischen habe ich mir aber klargemacht, daß mein Petitum nur gegen die Ewigkeit der Hölle im Dogma gerichtet ist. Und eine befristete Hölle ist eben ein dem ultimativen Frevel angemessenes Purgatorium. Insofern ist der Text koscher und vor allem frossardkonform. - Die Eschatologie des Islam etwa kennt keine ewige, nur eine befristete Hölle, und wenn der neue Papst es mit der interreligösen Öffnung ernst meint, hat er einen Grund mehr, 1.Korinther 15,28 stärker zu gewichten als die Drohbotschaft des Evangeliums. Wenn eine Milliarde Katholiken mit einer Milliarde Moslems diesbezüglich an einem Strang ziehen würden, wäre das fast schon Metaphysik. Der Text zur aporetischen Hakenkreuzfrage hatte dem Sohn erstmals Interesse für Frossard entlockt. Vor allem dessen Verbindung zu Johannes Paul dem Zweiten schien ihn zu beeindrucken. Das Theophanie-Zeugnis dagegen hatte er früher gar nicht zu Ende gelesen. Mir aber ist das Büchlein die Gründungsurkunde meiner Katholizität, und sein Verfasser der Obergutachter in allen geistlichen Fragen. Da er in der Resistance war, ist er in der aporetischen Hakenkreuzfrage anders als ich unverdächtig, pro domo zu sprechen. Und er nimmt nach seiner Erfahrung der telepathisch kommunizierenden Lichterscheinung ein halbes Leben später das Höllendogma eben ausdrücklich von seinem Blankoscheck für das katholische Lehramt aus. - Johannes Paul der Zweite hat dem in seinem Interview-Buch durch ein Bekenntnis zur Notwendigkeit einer höllenlosen Eschatologie Rechnung getragen, aber daraus keine lehramtlichen Schlüsse gezogen. Es braucht wohl keinen Weisen, der die Herzen gewinnt und höher schlagen läßt, sondern einen brillanten aber kalten Denker, um den Gordischen Knoten des auch rück- wirkenden Unfehlbarkeitsdogmas nicht zu durchhauen, sondern aufzudröseln. Geknüpft hat ihn Pius der Neunte, auf dem Stuhl Petri, mit dem längsten Pontifikat der Kirchengeschichte, im neunzehnten Jahrhundert. Auch dieses Dogma kraft Amtscharisma ist frossardbeglaubigt, deshalb kann der Knoten nicht, wie etwa von Hans Küng, durchhauen werden.- Ob das Lehramt bei stets gleichem Bewegungsimpuls wie auf einer Trambahnumkehrschleife in diesem einen Punkt noch in Gegenrichtung unterwegs zu sein vermag, steht dahin. Es geht nur um das Wörtchen "ewig", also um eine Blinddarmoperation an heiliger Materie im Himmel des Glaubens im Außen von Raum und Zeit. Dieser dogmatische Wurmfortsatz ist seit Auschwitz nämlich entzündet, weshalb die Una Sancta das eschatologische Büro geschlossen hat und die enragierten Höllenpredigten verstummt sind. So lange der Höllenrachen auf dem Papier noch "ewig" gähnt, weiß ich mich durch meinen Obergutachter von der Teilnahme am religiösen Betrieb dispensiert, Glaubensgehorsam schön und gut. Als einem Spätkonvertiten ist mir das traditions- katholische rembrandtsche Helldunkel verwehrt, ich bestehe auf lutherischer Klarheit. Die Wahrheit ist objektiv und absolut. Ein bißchen schwanger gilt nicht. Auch in der Anatomie ist der Wurmfortsatz funktionslos. Es gibt viel zu tun, hoffen wir, dass es angepackt wird