Thema: Nach der Wahl

Mittwoch, 20.4.2005. Nach Textschluß war es mit dem emotionalen Neumond beim Ehetelefonat gestern schon wieder vorbei, es zeigte sich bereits eine schmale Sichel in meinem inneren Dunkel. Dann trug mich Radioschall bis zur infrastrukturellen Betriebsamkeit mit einer Überbrückungszeit am Szene-Standort wegen Waschsalon. Mit dem Wäschekoffer, den Einkäufen und dem Wochen-Fuffi übers laufende Geld hinaus kehrte ich heim. Dort fand ich im Vorgarten die bereits gelieferten Bierkästen. Dann Radioschall bis zur Nachtruhe. Das gestrige Hauptmerkmal war weißer Rauch aus der Sixtinischen Kapelle nach dem vierten Wahlgang. - Der neue Papst ist der Favorit des seligen Johannes Paul des Zweiten, der ehemalige Präfekt der römischen Glaubenskongregation. Nach sechsundzwanzigstündiger Wahl hat sich der konservative Flügel durchgesetzt. Benedikt der Sechzehnte ist ein Landsmann aus der engeren Heimat, dem Süden des Landes der Reformation, das im Weltkatholizismus nicht sehr angesehen ist, seit vier- hundertachtzig Jahren wieder der erste Papst aus meinem Vaterland. Er hat eine Vergangenheit als Hitlerjunge und Flakhelfer, wird sich also in Sachen Frevel und Gnade als nicht ohne Problembewußtsein erweisen. Von der Kurie her hat er einen Ruf als brillanter aber kalter Denker. - Der gewählte Papstname spricht für starke Traditionsverbundenheit. Es wird wohl kein neues Faß aufgemacht werden. Auch ist man mit achtundsiebzig nicht mehr der Jüngste wie der Vorgänger mit achtundfünfzig. Ich hatte diese Wahlentscheidung kommen sehen und als Unglück bezeichnet, weil die lehramtliche Reinigung des Weltkatechismus vom Höllendogma wieder unterbleiben wird. Aber davon abgesehen bin ich mit dem Wahlausgang zufrieden. Der neue Mann an der Spitze der größten geistigen Macht der Welt ist einer von uns und er ist ein Intellektueller. Sein Zorn gilt der Diktatur des Relativismus im Zeitgeist, welcher ich als Kritischer Rationalist ebenfalls zürne. Die Wahrheit ist kein zweckmäßiger Irrtum, sondern objektiv und absolut. Dieser Vorrat an Gemeinsamkeit mit dem neu besetzten heiligen Stuhl tröstet mich Über das weiterhin zu befürchtende lehramtliche eschatologische Defizit hinweg. - Auf den Erzbischof des ehemaligen Abgrunds Auschwitz folgt nun der Erzbischof der ehemaligen Hauptstadt der Bewegung. Die letztinstanzliche geistliche Jurisdiktion bleibt in hakenkreuzversehrten Herzen des Abendlandes. Asien, Afrika und Lateinamerika sind weiterhin Peripherie. Eine bessere Lösung hätte sich mein hakenkreuzbewußter abendländischer Chauvinismus gar nicht wünschen können. Auch daß nun der ökumenisch kampferprobte Katholizismus des Landes der Reformation das Sagen hat, ist ein Pluspunkt. Für das Mitläuferkind und den Spätkonvertiten ist die Entscheidung maßgeschneidert. Frossard, der Gewährsmann meiner Konversion, hatte zu Lebzeiten noch ein Papstbuch über Johannes Paul den Zweiten geschrieben. Durch die nun bewiesene Kontinuität auf dem Stuhl Petri hat der neue Mann an der Spitze posthum auch seinen Segen. - Den Zeitgeistlern im Kirchenvolk allerdings wird der Schnabel sauber bleiben. Ich hatte zwar unmittelbar vor der Wahl noch auf den Exponenten der Neuerer, den ehemaligen Erzbischof von Mailand gehofft, sehe nun aber, daß die katholische Substanz beim gewählten Mann in besseren Händen ist. Das protestantische Prinzip machen schon von außen die irrenden Geschwister in Christo, denen ich entstamme, in ausreichendem Maße geltend. Mein einziges Petitum ist die Reinigung des Katechismus vom nicht frossardbeglaubigten Höllendogma, das hätte auch ein Neuerer vor lauter Kondomliberalität, Priestertum der Frau und Lockerung des Zölibats nicht angepackt. - Obwohl das Konklave eines der Kürzesten der Kirchengeschichte war, zeigen doch die sechundzwanzig Stunden der Wahl, daß Konservative und Neuerer fast gleichstark sind und sich nur deshalb einigen konnten, weil der verstorbene Papst im Grunde mitgewählt hat. Benedikt der Sechzehnte wird gar nicht anders können, als die Neuerer angemessen zu integrieren, die er zuvor in der Rolle des Großinquisitors außen vor gehalten hat. Als brillantem aber kaltem Denker muß ihm diese Notwendigkeit einleuchten. Deshalb ist das gestrige "Habemus Papam" in meinen Augen ein zielführender Neuanfang, bei dem zwar nicht mein Weizen blüht und das Herz nicht höher schlägt, mit dem ich aber auch nicht nach innen emigrieren muß. Der Neue wird sein Amtscharisma schon mit Augenmaß einsetzen, er ist ja ein Intellektueller und, was noch mehr zählt, "einer von uns". Er ist bisher an jeder Aufgabe gewachsen. Man darf gespannt sein, wie´s weitergeht.