Thema: Letzte Ruhe

Dienstag, 5.4.2005. Nach Textschluß war gestern im Postkasten eine Sendung mit einem gerüttelt Maß Inhaltlichkeit in Wort und Bild von meinem Schwiegersohn in der fernen Finanzmetropole. Er schickte Fotos vom Sternchen mit einem langen Begleitbrief, der unser Andocken am Glückstag in Maria Schnee vollinhaltlich bestätigte. Es läßt sich halt doch nicht ganz unterdrücken, ein Einserschüler gewesen zu sein. So wie er mit meiner Tochter, hat sie mit ihm das große Los gezogen. Dem warmen, vertrauten und zugewandten Ehetelefonat war dann zu entnehmen, daß die beiden am Wochenende mit Baby anreisen, um beide Großelternhäuser zu besuchen. In puncto Papst zeigte sich meine Frau vom würdigen Finish beeindruckt und relativierte ihr früheres antipapistisches Ressentiment deutlich. Wie mein Internet-Nachruf interessierte sie auch der jüngste Text über unseren gemeinsamen Wurzelboden, die "kultivierte Wohnsiedlung Borstei" in der einstigen Hauptstadt der Bewegung, beides wollte sie anderntags beim Bierlieferungsbesuch lesen. Das gestrige Hauptmerkmal war die adäquate schriftliche Besinnung auf meinen Wurzelboden aus Anlaß einer Radiosendung über die Siedlung. - Er war nichtsförmig und generierte nur sterilen brennenden Ehrgeiz, der mich trotz Handicaps bis zum Vorruhestand im achtundfünfzigsten Lebensjahr plagte. So alt war meine Mutter bei ihrem Tod und Johannes Paul der Zweite beim Beginn seines Pontifikats. Ein Schwellenjahr also. Ich bin diesem Wurzelboden recht eigentlich erst seither entwachsen und spinne erstmals gültig meinen autobiographischen roten Faden des Themas "C" weiter. Noch die Venusfliegenfalle meines Verstoßes gegen das sechste Gebot hatte ich stolz in die "kultivierte Wohnsiedlung" geführt, um ihr meine noblen Anfänge deutlich zu machen. Erst ein Jahr später brach mit dem Tod meiner Schwiegermutter der Kontakt zum vornehmen Mikrokosmos meiner Herkunft endgültig ab. Bei der Auflösung der Wohnung ergab sich ein Rechtsstreit, den meine Frau in zweiter Instanz verlor, worunter sie als Juristentochter heute noch leidet. Eine uneidliche Falschaussage der Gegenseite hatte den Ausschlag gegeben. So hat sich das gebaute Schopenhauer-Nirwana für uns letztlich auch noch als korrupt erwiesen. - Die Radionachricht, daß sein Erbauer hatte im Alter formell Buddhist werden wollen, lieferte mir nun den Schlüssel zum Verständnis meiner komfortablen Misere unter seiner Ägide. Der genius loci des inhaltlichen Nihil war bewußt gestaltet und nicht nur harmloser Ausdruck zeitgeistbedingten gestalterischen Unvermögens, wie vermeint. Das Prinzip, nur an sogenannt bessere Leute zu vermieten, hatte Methode. Die unethische Ästhetik der üppigen Kunst am Bau diente der Manifestation der nichtabendländischen weltanschaulichen Option des Erbauers. Mein Thema "C" irrte jahrelang ratlos durch die kontrovers sinnstiftend möblierten Gärten der Siedlung auf der Suche nach einem Anhaltspunkt. Aber außer einem Donatello-David, einem Relief betreffend David und Saul und einem posthum aufgestellten nichtssagenden Christophorus war nichts geboten. - Der Erbauer hatte in einem Marmorsarkophag vor meinem Wohnzimmerfenster bestattet werden wollen. Als ihm das die zuständige Behörde verwehrte, hätte wenigstens sein Herz dort noch Platz finden sollen, aber auch das war unzulässig. Sauber, sag' ich. So ist seine sterbliche Hülle also doch in geweihte Erde gelangt, wie die von Krethi und Plethi kontroverse Sinnstiftung hin oder her. Alles in allem war mit dem Schopenhauer-Nirwana wohl ein Renaissance-Ideal gemeint, wie es der ehemalige, zum Architekten weitergebildete Maurer eben verstand. Beim Machtantritt Hitlers war er fünfzig und die Siedlung stand schon weitestgehend. Außer den Halterungen für die Hakenkreuzfahnen zu Anfang nach der Stunde Null zeigte sie keine explizit braunen Spuren, wenn ihre völkischen Architekturprinzipien Edle Einfalt und Stille Größe auch eine Wahlverwandtschaft mit dem handwerklich gediegenen Nazibiedermeier verraten, dem mein Architektenvater verpflichtet war. - Der vornehme Mikrokosmos der dreitausend sogenannt besseren Leute in proletarischer Umgebung wurde von mir nach der Stunde Null als Dünkelburg erlebt. Mit dem Führer hatte man aufs falsche Pferd gesetzt, so bündelten sich dort verbissener Selbstbehauptungswille und glühender gesellschaftlicher Ehrgeiz wie in einem Brennglas. Die Kinder bekamen alle den Marschallstab in den Tornister gepackt und sollten es einmal besser machen als ihre Eltern. Als ich das Abitur mit eins- kommazwei abgeschlossen hatte, pilgerte meine, wie sich erst posthum herausstellte, abiturlose Mutter zur Kultusbehörde, um zu erfragen, ob man das letzte Jahr wiederholen könne, um einskommanull pur zu erzielen. Man zeigte ihr zwar höflich den Vogel, aber ein bißchen hybrid war der Versuch eben doch und steht mir als pars pro toto für den brennenden Ehrgeiz im Schopenhauer-Nirwana mit dem genius loci des inhaltlichen Nihil. Erst mit achtundfünfzig habe ich den Marschallstab in meinem Tornister nolens volens entsorgt und bin seither kein Borsteikind mehr. Daß die Siedlung nun im Radio über den Schellenkönig gelobt wurde, ist ein tragikomisches Mißverständnis. Dort liegt so mancher Hund begraben. Ich möchte dort jedenfalls nicht, wie ihr Erbauer, die letzte Ruhe finden. Mir langt der Westfriedhof in d' Haut nei.