Thema: Das Pontifikat

Samstag, 2.4.2005. Noch vor Textschluß kam gestern wieder der Freitagsbesuch meines ehrwürdigen Ernsten Bibelforschers, von mir diesmal auf einer Backe abgesessen. Anschließend war meine Frau wegen ihrer Ehrenpflicht als Trauzeugin im ländlichen Raum nicht telefonisch erreichbar. Die Hochzeit ihrer ehemaligen Schülerin mit einem muslimischen Kosovo-Albaner fand zwar in einer katholischen Kirche statt, doch nicht lege artis, sondern nur mit priesterlichen Segen, da nach islamischen Recht muslimische Konvertiten dem Tod verfallen und vogelfrei sind. Das von mir zu hören, war meiner besseren Hälfte höchst staunenswert gewesen. Daß die Bräuche auch so streng sein können, war ihrer agnostischen Liberalität neu. Ab Mittag schaukelten mich die Ätherwellen über einen Besuch des Sohnes mit Restaurantmahlzeit und den Sachzwang Schreibmaschine in die Nachtruhe. Das gestrige Hauptmerkmal war der Radioschall vom todkranken Papst, der für viele im Glaubensgehorsam standhält bis zuletzt.- Johannes Paul der Zweite ist auch, neben Arafat und Castro, dem Filius ein Vorbild. Mir dagegen imponiert sein Finish mehr als sein sechsundzwanzigjähriges Pontifikat, das bei aller brillianten Außenwirkung das innerkirchliche Rad zurückgedreht hat. So hat er auch dem Gründer der klerikalfaschistischen Sekte Opus Dei zur Ehre der Altäre verholfen und so viele Kardinäle in seinem Sinne ernannt, daß das Konklave mit hoher Wahrscheinlichkeit einen innerkirchlich erzkonservativen Nachfolger wählen wird. Damit sind meine Interessen berührt, weil das Lehramt der Una Sancta ja das einzige ist, was meine Katholizität begründet. Aber sein jetziges medienwirksames Standhalten im Glaubensgehorsam bis zuletzt geht auch mir zu Herzen. – Nach außen war er von den weithin Sichtbaren der einzige, der durchblickte und ein Glücksfall in der säkularen Abdrift des Zeitgeistes. Daß er nach innen dem in protestantischen Pfarrhäusern üblichen Rollenkonflikt Frauen eine Absage erteilt hat, gereicht ihm in meinen Augen nicht zur Unehre. Geistlichen Erkenntnisfortschritt sehe ich in eine andere Richtung zielen. Die seinsstrukturelle Sonderart weiblicher Geistigkeit hat schon Paulus dazu bewogen, der Frau das priesterliche Rederecht zu verwehren, und ein ehesakramental gebundener Priester mit Konsekrationsmandat im Altarsakrament bekäme metaphysische Identitätsprobleme. Auch das Gebot verantworteter Sexualität im päpstlichen Verdikt gegen künstliche Verhütung und Abtreibung kann ich nachvollziehen. Dieses Ziel hängt zwar so hoch, daß man bequem darunter durchgehen kann, aber dafür gibt es bei Unrechtsbewußtsein das Bußsakrament und den eschatologischen Faktor Gnade. Nur dieses Unrechtsbewußtsein wollte der jetzt scheidende Papst schärfen, nichts weiter.- Das einzige, was ich an seinem Pontifikat wirklich auszusetzen habe, ist der katholische Weltkatechismus mit seiner expliziten Festschreibung des mittelalterlichen Höllendogmas, nachdem auf protestantischer Seite Paul Tillich in seiner systematischen Theologie nach Auschwitz das biblische Mauerblümchen des höllenlosen paulinischen Pan-en-theismus zur Entfaltung gebracht, der Kiebitz Frossard das hoch gepokerte Blatt der Una Sancta in diesem einen Punkt als nicht durch die metaphysischen Tatsachen gedeckt erwiesen, und Hans Urs von Balt- hasar mit seiner dogmatisch noch konformen Karsamstagstheologie den ver- ketzerten spätantiken Kirchenlehrer Origines rehabilitiert hat. Das Recht auf nach- vollziehbaren gradualistischen Sinneswandel ohne Bruch gilt auch für die römische Glaubenskongregation. – Johannes Paul der Zweite hat davon, außer einer Andeutung in seinem Interview-Buch, keinen Gebrauch gemacht. Mit der Folge, daß weiterhin eine Milliarde Katholiken im Glaubensgehorsam ihren Himmelsglauben mit Höllenangst verbinden müssen. Ob es allerdings angesichts des Unfehlbarkeitsdogmas hier eine Trambahnumkehrschleife gibt, auf der die Kirche bei stets unverändertem Bewegungsimpuls die Gegenrichtung gewinnen kann, ist eine offene Frage. Es bedürfte des gesamten semantischen Menschenwitzes der Kurie, um trotz auch rückwirkender päpstlicher Unfehlbarkeit in Glaubensfragen hier ohne Bruch weiterzukommen. Diese Anstrengung hat der nun scheidende Papst nicht auf sich genommen, wenn er das Problem auch gesehen hat, wie sein Interview-Buch zeigt. Aber eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. - Dieses Pontifikat hat bei allem äußeren Glanz die gelockerten innerkirchlichen Bindungen wieder festgezurrt und dabei eben leider auch die historische Chance verpaßt auf inhaltliche Stichhaltigkeit an dem Punkt, wo der Frosch wirklich ins Wasser springt. So ist es in meinen Augen kein wahrhaft großer Papst, der jetzt wohl die Reise in Gottes Ewigkeit antritt, da meine Katholizität einzig auf das Lehramt der Una Sancta gründet, wie der Kiebitz André Frossard es als nahezu uneingeschränkt durch die metaphysischen Tatsachen gedeckt erwiesen hat. Aber eben nur nahezu. Und da liegt der Hund begraben. Die Wahrheit ist objektiv und absolut und ein bißchen schwanger gilt nicht. “Fürchtet euch nicht” schön und gut. Aber auf dem Papier gähnt der Höllenrachen immer noch ewig. Schade drum. Es wär´so schön gewesen, es hat nicht sollen sein.