Thema: Frau Holle

Montag, 21.2.2005. Nach erfolgreichem Textschluß war gestern die Reaktion meiner Frau auf das Griffelspiel "Das Unzerstörbare" differenziert und uneingeschränkt zustimmend, nur würde ich damit im Internetfall mein Herz auf den Tisch wildfremder Leut' legen, meinte sie. Soviel Selbsterkenntnis wie mir sei ihr nicht möglich, das liege wohl am Schreiben. Gritlis Zuspruch trug mein Gemüt durch den restlichen Tag aus Bier, Tabak und Radioschall. Als ich essen ging, fand ich im Postkasten den Spendenaufruf meiner Sprengelpfarrei für die Caritas-Frühjahrssammlung. Wieder daheim, füllte ich den Überweisungsauftrag aus, zum nächsten Bankbesuch, in Höhe einer eisernen Wochenrücklage für Familienzwecke. Dann schaukelten mich die Ätherwellen über den Sachzwang Schreibmaschine und ein Internet-Fax mit telefonischem Rückruf in die Nachtruhe. Das gestrige Hauptmerkmal war der Ehekonsens zum Thema Down-Syndrom. - Aber auch der gestrige Papst-Text war erfolgreich. Der Sohn hatte ihm Beifall gezollt und ihn alsbald ins Netz gestellt. Sein Sitz im Leben war die Radiomeldung, wonach jüdische Stimmen das neue Papst-Buch kritisieren, in dem Auschwitz mit Abtreibung korreliert wird. Die heutige Zensurlektüre ergab keine Beanstandungen. Ich habe mir bei der heiklen Thematik nichts vergeben, sondern sogar einen weiter- führenden Beitrag geleistet der an die virtuelle große Glocke gehört. Nach zwei vergeblichen Anläufen habe ich jetzt erstmals wieder den Filius auf meiner Seite. Noch ein internetfähiges Griffelspiel, dann ist wieder Honorar fällig, wofür die eisernen Wochenrücklagen für Familienzwecke gebraucht werden. Dennoch reut mich meine Caritas-Spendenbereitschaft nicht. Habe ich es schon an einer Tsunami-Spende fehlen lassen, so will ich doch hier, wo Not vor der Haustür gelindert wird, nicht zurückstehen. – Meine Wiederentdeckung Schopenhauers anläßlich der Flutkatastrophe wurde durch die apologetische Faschingsserie zum koscheren Braun meiner Herkunft anläßlich des sechzigsten Jahrestages der Befreiung von Auschwitz abgelöst, mit der ich keinen Internet-Treffer landen konnte. Durch den päpstlichen Flankenschutz nun ist die Tür wieder offen. Die lautlose massenhafte Tötung ungeborenen Lebens ohne Unrechtsbewußtsein mit der menschheits- geschichtlichen Singularität Auschwitz zu korrelieren, an der alle irdische Beheimatung zuschanden wird, ist ohne kollektiven Aufschrei der emanzipierten Gutmenschen nur dem Papst verstattet. Und in der Tat macht es ja für die Schneelast keinen Unterschied, ob eine Lawine zu Tal donnert, oder ob Frau Holle konti- nuierlich tagein tagaus Betten macht. Jeder Schneekristall ist ein Beitrag zu ultimativem Frevel. - Ich komme auf diese Metaphorik, weil es draußen schneit und mir wieder die Grenzerfahrung mit der Schneeschaufel bevorsteht. Ein Verstoß gegen das fünfte Gebot liegt mir wissentlich nicht zur Last, wenn nicht eine amouröse Entgleisung zu Beginn meiner Vatersohnschaft zu einer Abtreibung geführt haben sollte, was mir aber zu Ohren gekommen wäre. Dann hätte auch ich einen Beitrag zu Frau Holles Bettfedernaufkommen geleistet. Dafür braucht man gar nicht eine Lawine auszutreten, mißlingende freie Liebe im tiefsten Frieden genügt, und schon schneit es. Meine Frau ist dankbar, daß sie nie abtreiben "mußte". Es stimmt schon, es gibt da auch ein Müssen. Dafür ist dann das Buß- sakrament geschaffen und die kreuzeswissenschaftliche Einsicht in den eschatologischen Faktor Gnade, der allerdings Reue und Umkehr voraussetzt. Ohne Unrechtsbewußtsein kann die göttliche Liebesgerechtigkeit nicht walten. Und nur dieses Unrechtsbewußtsein will der Papst schärfen, das Schneien kann auch er nicht abschaffen. - Frau Holles Arbeit ist nicht zuletzt wegen der allgemeinen Gott- und Transzendenzvergessenheit im Säkularismus so erfolgreich. Wer sich selbst mit Brecht letztlich als Dünger der Evolution versteht, von dem kann man den Res- pekt vor im Mutterleib transzendenzunmittelbar beselbstetem ungeborenen Leben nicht verlangen. Für ihn gilt "denn sie wissen nicht was sie tun", wenn er der Abtreibung Vorschub leistet, klont oder Stammzellenforschung betreibt. Eccles vermutet die Beselbstung bereits in der Zygote. Da hat Frau Holle, die alte Engelmacherin, natürlich leichtes Spiel. Denn eine Gruppe Zellen in der Gebärmutter schon für den ganzen Menschen anzusehen, überfordert die Vorstellungskraft der Geister, von der kirchlichen Auffassung ganz zu schweigen, die Menschsein bei der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle ansetzt. - Vor den Risiken und Nebenwirkungen der freien Liebe hat die Una Sancta immer gewarnt und sich damit das Odium der Leibfeindlichkeit zugezogen. Die sexuelle Revolution hat dann aber gezeigt, daß geheimnislose gymnastische Erotik Katzenjammer verursacht. Das "post coitum omne animal triste" hat sich inzwischen herumgesprochen, so daß es die Partner hierzulande nur dreimal im Monat machen. Luther hatte noch wöchentlichen Geschlechtsverkehr eingefordert, ehelich natürlich. Ein bißchen mehr Problembewußtsein auf breiter Front würde Frau Holle in die Schranken weisen. Aber vielleicht bringt's ja die Klimaerwärmung mit sich. Not lehrt beten.