Thema: Gerechtigkeit

Montag, 15.6.09. Aus der Bildsprache der Offenbarung des Johannes, dem großen Trost- und Mahnbuch der Christenheit, wissen wir mittelbar, daß sich in der Urzeit der Schöpfung Legionen reiner Geister gegen Gott aufgelehnt haben. Das Wesen des Geistes besteht aber darin, daß er sich mit allen Fasern seiner Wirklichkeit nach Gott sehnt, daß er sich mit seinem ganzen Sein zu Gott "hingetrieben"fühlt. Geschieht nun in einem solchen Geist eine Auflehnung gegen Gott, so wird aus seinem “Hingetriebensein” eine radikale Ablehnung. In der menschlichen Sünde kommt die Verneinung der Engel zum Durchbruch. Das ganze kreatürliche Sein wurde durch die Sünde der Engel zur Auflehnung hin bestimmt. Die kleinen verdeckten und alltäglichen Sünden der Menschen versuchen die Auflehnung der Engel nachzuahmen. Es gibt also verschiedene Tiefenzonen der menschlichen Sünde. Schichten, die sich gleichsam überlagern und zueinander öffnen, unsere personale Sünde, darin und dahinter die Sünden der Menschheit. Und wiederum darin die Sünden der Geister. In sich selbst und für sich genommen ist all das schrecklich. Anderseits ist es aber auch tröstlich für uns. Aus all dem geht nämlich gleichzeitig hervor: vernichten wir in uns selbst eine vielleicht noch so kleine Sünde, so vollziehen wir damit eine allmenschliche, ja universale Tat. Die Quellen des Bösen werden in uns verschlossen, aber auch in der Menschheit und im Kosmos. Eine menschheits- und welterlösende Tat. Haben wir das verstanden, so verstehen wir auch den Sinn der Buße. Es ist zwar wahr, wir vergiften mit unserer Sünde die ganze Menschheit und die Welt, und wir werden unsererseits von der ganzen Menschheit und der Welt vergiftet. Aber unsere Reue ist ihrerseits eine menschheits- und welterlösende Tat. Wir sind schlechter als wir tatsächlich sind. Unsere Gefallenheit ist nur Ausdruck des allgemeinen Gefallenseins der Menschheit. In der Tiefe all unserer Sünden werden wir wahrscheinlich die Selbstsucht entdecken, jene nur schwer definierbare “Selbstrückwendung”, die unser ganzes Dasein durchwebt. Ein zweiter Hinweis ist die Liebesunfähigkeit des Menschen. Liebe bedeutet doch. das Sein selbst von einem Anderen her zu empfangen" der ebenso der selbst liebesunfähig ist, wie wir selbst. Drittens: eine ehrliche Analyse unserer eigenen Liebesunfähigkeit findet auf dem Grund der eigenen Handlungen so etwas wie eine jedem von uns "angeborene" Abneigung. All die Sündhaftigkeit um uns entdecken wir nicht, als etwas Fremdes außerhalb von uns. Sie ist nichts Äußerliches , sondern sie gehört zu unserer eigenen Existenz. Krishnamurti, dessen Wegweiser zum wahren Leben" ich von meinen Eltern geerbt habe, lehrte als südindischer Brahmane 1929 nach anfänglicher Organisation seiner Lehre die intuitive Erkenntnis der Harmonie von Ich und All, weil die Wahrheit nicht organisierbar ist. Paulus sagt im ersten Korintherbrief ein Gleiches: Wenn Ihm dann alles unterworfen ist, wird auch er der Sohn, sich dem unterwerfen, der ihm alles unterworfen hat, damit Gott herrscht über alles und in allem". Ein Zeuge ist kein Zeuge, sagt das Sprichwort. Zwei interkulturelle Zeugnisse für den selben Sachverhalt machen den Unterschied. Das bedeutet, daß das Jenseits gut ist und daß, wer dort ist, letztlich am Ziel angekommen ist, das kein Schemen- und Schattenreich sein wird, gemessen an dem unsere handfeste Welt dem Tod vorzuziehen wäre. Das Gegenteil ist der Fall. Im ersten Korintherbrief sagt Paulus "was gesät wird ist verweslich, was auferweckt wird, unverweslich”. Gott macht sich zugänglich, selbst unter den Gestalten von Brot und Wein. Doch er zählt nur bis eins. Seine Gnadengerechtigkeit berücksichtigt den Fall der reinen Geister in der Urzeit der Schöpfung und rechnet ihn uns nicht zu. "Tod, wo ist dein Stachel? Hölle. wo ist dein Sieg?” bekräftigt Paulus diese Einsicht. Herr, unser Vater, wir bitten dich, daß wir dich und deine Barmherzigkeit verstehen und daß wir unseren Schwestern und Brüdern in der gleichen Haltung begegnen können, damit unser Herz ruht in dir, Amen. PS.: Bis auf den Krishnamurti-Einschub stammt das Vorstehende von dem Philosophen und Theologen Ladislaus Boros, Lehrbeauftragter für Religionswissenschaften an der Universität Innsbruck. {1927-1981}.