Thema: Der Glücksfall

Sonntag, 20.2.2005. Nach gültigem schriftlichen Tun mit Vortagsanteil war gestern das Ehetelefonat warm, vertraut und zugewandt, aber impulslos, abgesehen vom Wunsch meiner Frau, den jüngsten Text zugefaxt zu bekommen. Es hatte noch nicht wieder geschneit, so daß ich meine Filzpantoffeln anbehalten und auch gleich mit Blick auf den Eheimbiß vom Vortag die Restaurantmahlzeit ausfallen lassen konnte. Das psychoakustische Tor zur Welt mit seinem Antennenspargel ersetzt mir vollauf den Leutekontakt. Ab der Mittagsstunde schaukelten mich die Ätherwellen, über den Sachzwang Schreibmaschine und ein Ehefax in die Nacht- ruhe. Das gestrige Hauptmerkmal war meine Absage an "Melonen, Feigen, klassische Leiber und eine kommode Religion". - Diese Absage erwies sich heute nach zweimaliger Zensurlektüre als gültig nur unter Verschluß. Für Internetzwecke gebe ich zuviel von mir preis. Der Sitz im Leben ist die Kunde eines Falles von Down-Syndrom im Freundeskreis des Töchterchens und die Bemerkung meiner Frau, sie wisse nicht, ob sie hier nicht abgetrieben hätte. Deshalb ist das Ehefax gerechtfertigt, aber der Sohn bleibe verschont. Im Erwachen war mir der Text natürlich nur Lückenmakulatur, doch inzwischen scheint mir sein humanitärer lmpetus zu überwiegen. Georg Büchners obige ironische Aufzählung des im Hier und Jetzt Erstrebenswerten steht mir für das alt- und neuheidnische Humanitätsideal, dem ich einst ziemlich nahegekommen bin, während ich jetzt mit hinfälliger unförmiger Leiblichkeit und einer Religion mit dem Pfahl im Fleisch einen diametral entgegengesetzten Weg gehe. - Die Faust Gottes im Nacken ab der Lebensmitte hat mich auf diesen Weg gebracht, deshalb weiß ich noch ein Wort mehr zu sagen, wo Weltkinder an Abtreibung denken. Der Papst steht in der Kritik, weil er in seinem neuen Buch den Holocaust mit der massenhaften Tötung ungeborenen Lebens korreliert. Die jüdischen Stimmen wenden ein, industriellen Genozid dürfe man nicht mit der vielleicht mißbräuchlichen Selbstbestimmung der Frau über ihren Körper vergleichen. Für den seinsstrukturellen Dualismus liegt hier ein Denkfehler vor. Denn wenn die Zygote im Mutterleib trans- zendenzunmittelbar beselbstet wurde, gehört ihr Bauch der Frau nicht mehr ihr, wie vermeint, sondern Gott. Dann ist Abtreibung weltweit massenhaft und ohne Unrechtsbewußtsein kein geringerer Verstoß gegen das fünfte Gebot als Auschwitz. - Daß das Oberhaupt der größten geistigen Macht der Welt diese unbequeme Mahnung noch offen verkündet, bevor in absehbarer Zeit seine Reise in Gottes Ewigkeit ansteht, darf getrost als Vermächtnis des Pontifex angesehen werden, der in seinem langen Pontifikat mehr Herzen bewegt hat als kaum je ein Papst vor ihm. Meine acht- jährige wilde Ehe vor der Hochzeit hatte einen Schutzengel und meine nachmaligen Verstöße gegen das sechste Gebot blieben ohne genealogische Folgen. Wie haarscharf ich dabei die Kurve gekratzt habe, zeigt die Bemerkung meiner Frau und Papstskeptikerin, sie wisse nicht, ob sie ein Down-Syndrom nicht abgetrieben hätte. Auf diesem Hintergrund ist der gestrige Text "Das Unzerstörbare" mehr als Lückenmakulatur, nämlich ein Stück Aufklärung. Das dies meinem Erwachensatheismus heute verborgen blieb, kann nicht wunder nehmen. An meiner früh- morgendlichen Matratzengruft steht Brecht Pate: "Ihr sterbt mit allen Tieren, und es kommt nichts nachher." - Bevor nicht Transzendenz in breiter Front auf naturwissenschafftlicher Basis gedacht werden kann und die Spatzen nicht den Gehirn-Geist-Dualismus von Popper und Eccles von den Dächern pfeifen, wird der Papst ein Rufer in der Wüste bleiben. - Deshalb sind unsere ehemaligen Nachbarn zur Rechten mit ihrer bald nach der Geburt schwerstbehinderten und lebenslang aufopfernd gepflegten Tochter nicht weniger Gerechte unter den Völkern als etwa der Retter der Schindler-Juden. Das gilt auch für die Mutter, die nach Pränataldiagnostik ein Down-Syndrom austrägt. Ich bin gespannt, wie Gritli auf meinen Text reagiert. Daß der Bauch unseres Töchterchens derzeit nicht diesem Selbst, sondern Gott gehört, erhöht meine Spannung noch. In unserer Familie ist die Faust Gottes im Nacken Männersache. Die jungen Eheleute in der fernen Finanzmetropole sind eigentlich auf Stellvertreterglück abonniert. So wird mit dem Sternchen schon alles gutgehen. In fünf Wochen wissen wir mehr. - Daß geistige Behinderung das Unzerstörbare lehrt, weil es da dichter an der Oberfläche des Humanum liegt, ist die Pointe meines gestrigen Textes. Übrigens hatten am Vortag die Zeugen Jehovas auf meine Kunde des Falles von Down-Syndrom in der Bekanntschaft nicht weniger herrenrassisch reagiert als mein alter Adam in der Zombie-Phase. Ja, von den weithin Sichtbaren ist der Papst wirklich der einzige, der durchblickt. Ich bin auf meine Spätkonversion via Frossard stolz. Johannes Paul der Zweite ist ein Glücksfall.