Thema: Die Taube

Freitag, 28.1.2005. Nach gültigem schriftlichen Tun mit Vortagsanteil rief gestern meine Frau vor der Zeit von sich aus an, weil sie in einem Altersheim eine krankengymnastische Urlaubsvertretung wahrzunehmen hatte und zum statthaften Zeitpunkt nicht mehr erreichbar gewesen wäre. Diese Zuvorkommenheit versöhnte mich, der ich sowieso nicht zum Hörer gegriffen hätte, mit der kommunikativen Pleite des Vortags. Im Postkasten war eine Werbung für Industriefußböden, die in der Adresse elegant die von der Kammer geschätzte Berufsbezeichnung "Architekt" vermied, nämlich an das "Architekturbüro Dipl. Ing. Vorname Zuname, Herrn Soundso” gerichtet war. Trotzdem verschwand sie im Papierkorb, weil ich keine Tiefgaragen baue. Aber immerhin, so kann man den Eintrag ins Branchenbuch auch interpretieren, ohne anzuecken. - Die Spannweite der mir zugemessenen Kompetenz für Industriefußböden zu der eschatologischen Kompetenz des jüngsten Textes amüsierte mich. Wenn die Firma meinen Dipl. Ing. aus dem Internet geschöpft hat, ist sie selber am Papierkorb schuld. Denn dort liegt meine Professionalität eindeutig bei den soft skills, nicht bei der Hardwarefabrikation. Mein Architekturbüro entwirft Brünnlein für den Durst nach wahrer Orientierung. Für sich erbohren muß sie der Dürstende selbst. Dafür sind Lageplan und Entwürfe gratis. Ich kann es mir leisten, keine schlüsselfertigen Tiefgaragen zu bauen, weil ich mit meinem Dipl. Ing. zweiunddreißig Jahre lege artis gewuchert habe und jetzt saturiert bin. Das drückte sich gestern nach der radiobeschallten Mittagsstunde in einem Besuch beim Ortsteilvorzugsrestaurant aus. Anschließend schaukelten mich die Ätherwellen über den Sachzwang Schreibmaschine in die Nachtruhe. Das gestrige Hauptmerkmal war die eheliche Wiedereinsetzung in den vorigen kommunikativen Stand. - Der Filius, dem ich das jüngste Typoskript zugefaxt hatte, nimmt Anstoß an meinem Verdikt gegen die Zeugen Jehovas, die er hoch- schätzt und deren Eschatologie ihm plausibel erscheint. Anders als gestern noch vermeint, stehe ich also auch in der Vatersohnschaft mit meinem Transzendentismus allein. Das wird sich wohl erst ändern, wenn nach dem fälligen Paradigmenwechsel Transzendenz auf naturwissenschaftlicher Basis in breiter Front zu denken sein wird. Bis dahin ist dem Augenmenschen der Spatz in der Hand lieber als die Taube auf dem Dach. Dem Wortmenschen aber ist diese ein Indikator für die Möglichkeit wahrer Orientierung in dem, was letztlich zählt, deshalb gibt er dem Spatzen in der Hand die Freiheit. Mit dem ist ohnehin nicht viel anzufangen - Um das einzusehen muß man wohl ein gewisses Alter erreicht haben und in puncto Mehrvondemselben saturiert sein. Die Taube symbolisiert immerhin den Heiligen Geist, weil sie bei der Taufe Jesu am Jordan die Himmelsstimme begleitete, welche sagte "dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe", der Moment der Salbung Jesu zum Messias. Daß die zweite Person der Trinität im Erdenkleid vom Heiligen Geist empfangen ist, verleiht der Taube auf dem Dach zusätzliche heuris- tische Dignität. Der Volksmund ist also nicht immer treffsicher. Wenn sich nun das Grabtuch von Turin tatsächlich doch noch als echt erweisen sollte, wie mir gestern vom Stammhalter zugefaxt worden war, ist das Antlitz des Gekreuzigten auf dem Röntgenfoto mit seiner deutlichen Anmutung von Übernatur, die mich schaudern macht, also wirklich die heilige Ikone, an welcher der Klerus immer festgehalten hat, Radiokarbonmethode hin oder her. - Das wäre ein weiteres Indiz dafür, daß die transzendentische Taube selbst auf dem Dach mehr zu bieten hat als der immanentistische Spatz in der Hand. Nur sie erlegen, braten und von ihr runterbeißen kann man eben nicht. Ob das Endziehl der Vorsehung, universelle Fülle des Seins in bleibender Gemeinschaft mit Gott am Ort des Heiligen im Außen von Raum und Zeit, nach Durchlaufen der purgatorischen Kläranlage universeller Essentifikation, auch den Genuß gebratener Tauben umfaßt, steht dahin. Mir wäre Tabak, Zigarettenpapier und ein Aschenbecher wichtiger. Aber Spaß beiseite. So konkretistisch ist islamische Eschatologie ja wirklich. Vor allem ihretwegen verzichtete der Agnostiker Karl Popper darauf, aus seinem Gehirn-Geist-Dualismus trans- zendentistische Schlüsse zu ziehen. Es braucht wohl eine gewisse Begabung für seinstrukturellen Dualismus, um nicht in diese Falle zu tappen und sich mit dem mönchischen "totaliter aliter" zu begnügen. Mir sagt die Taube auf dem Dach nur: "Mit dem Tod, mein Lieber, gehst du letztlich nach Haus."