Thema: Wind, Bläue und Licht

Sonntag, 24.6.2001. Frossards Zeugnis für die Erfülltheit des Gottesbe- griffs im katholischen Sinne ist, als hätte das Himmelsblau, das sich heute seidig übers Firmament spannt, tatsächlich einen Hintergrund aus Seligkeit und nicht aus schwarzer Nacht. In dem unscheinbaren Büchlein verbirgt sich die Ungeheuerlichkeit, daß Theologie wirklich nicht für die Katz’ ist und daß Gebete einen Adressaten haben. Lang läßt sich das übrigens nicht ins Fühlen bringen, bald hat die Immanenz wieder Atheismuscharakter. Dem ist auch durch Besuch numinoser Gehäuse und Hostienempfang nicht beizukommen. Der liebe Gott scheint Frossard den Auftrag gegeben zu haben, in puncto Augenschein für Skepsis und für langen Glaubensatem zu werben. Deshalb ist die religiöse Augenscheinlichkeit meine Sache nicht. Daß die Kinderformel “lieber Gott” durch die metaphysischen Tatsachen in vollem Umfang gedeckt ist, erweist sich als die kostbarste Kunde des Theophanie-Buches. Sie rückt die apokatastasis panton des Ketzers Origenes und den paulinischen Pan-en-theismus in Reichweite und läßt jede dämonische Spaltung im Gottesbild als psychonanalytisch erklärbare Sado-Maso-Falle erscheinen, bis weit hinein in die Bibel selbst. Deshalb sollte man nicht, wie schon geschehen, Bibellektüre für das achte Sakra- ment erklären, sondern zu vorreformatorischen Arkandisziplin zurück- kehren. Mancher hat sich schon im Buch der Bücher den Atheismus an- gelesen und das auch noch für erkenntnistheoretisch legitim gehalten, um nur Arno Schmidt zu nennen. Wenn es schon in der Gründungsurkunde des Christentums recht mißverständlich zugeht, darf man sich über Theologen- gezänk nicht wundern. Wie schön, daß nun ein vollkommen unverbildeter, zwanzigjährig, berufen wurde, später in der ältesten Causa der Menschheit ein sanftes Machtwort zu sprechen. Seither ist es nicht mehr möglich, intellektuell redlich Gott in Abrede zu stellen, bei allem unbestrittenen Atheismuscharakter der Immanenz. Freilich ist es hinterm Himmelsblau nachtschwarz. Aber blau ist auch das ewige beseligende Licht der Welt und Sein einigenden Realität. Und dort, meiner Treu, ist Brot des Lebens und Fülle des Seins.