Thema: Der Vorbehalt

Dienstag, 25.1.2005. Meine gestrige schriftliche Einsicht, daß bei aller Schopenhauerei ein existentielles Taschengeld vom lieben Gott möglich ist, erschien mir als so bahnbrechend, daß ich auch diesen Text nach dem Griffelspiel "Versöhnung" fürs Internet vorsah. Da man die Oma nicht ans Schienbein treten darf, wenn man von ihr eine kleine Finanzspritze haben will, verbietet sich für den aufgeweckten endlichfreien Partner der Schöpfung jede Gotteslästerung von selbst. Die diesbezüglich vorbeugende bisherige immanentistische Spekulation á la Baisse meiner theodizeevermeidenden Schicksalstheologie erfährt durch den gestrigen Text allerdings eine entscheidende und befreiende Relativierung. Sie hatte mir zum Schluß fast die Luft abgeschnürt. - Nicht bitten, danken und klagen zu dürfen war schon der halbe Atheismus. Auch die Hinzufügung der Altmännerschwermut mit- leidender Zulassung Gottes zum frossardschen Gottesbild der allmächtigen milden Güte konnte dem nicht wirklich abhelfen. Daß nun mein kleines Einmaleins geistlicher Besonnenheit noch auf die kosmologische Unschärferelation zwischen "guter Schöpfung" und "Adams gottverfluchtem Ackerboden" gelangt ist, sieht auf diesem Hintergrund einem Geniestreich sehr ähnlich. Es ermöglicht, guten intellektuellen Gewissens zu bitten, zu danken und zu klagen, was die rudes ohnehin alle Tage tun. Meine vornehmtuende Taschengeldverachtung gehört der Vergangenheit an. Diese meine neue Einfalt war das gestrige Hauptmerkmal. - Inzwischen habe ich den Tag des ehelichen Biernachschubs und der infrastrukturellen Betriebsamtkeit mit Rasur und Schneeräumen eröffnet. Durch die Aktualisierung meiner Leiblichkeit war der Erwachensatheismus nicht so nagend wie sonst. Vielleicht hat auch die gestrige Errunnenschaft immanentistischen Gottvertrauens zu dieser Glimpflichkeit beigetragen. Daß sie ausgerechnet am sechzigsten Jahrestag der Befreiung von Auschwitz zustande kam, an dem die Vereinten Nationen auf Antrag Israels sich erstmals in ihrer Geschichte mit dem Holocaust beschäftigten, ist zufällig. Erst nach Textschluß hatte ich dies dem Radioschall entnommen. Im Wissen um den kalendarischen Anlaß hätte ich immanentistisches Gottvertrauen nicht fassen können. Auschwitz ist die menschheitsgeschichtliche Singularität, an der alle irdische Beheimatung zuschanden wird und der Sprung in die transzendentistische Zuversicht als zwingend erscheint. - Diese Singularität ist das primum movens all meines theologischen Kopfzerbrechens, mit dem Ziel, einen wahrheitsförmigen "Gottesbegriff nach Auschwitz" zu erringen. Die gestrige Einsicht in die kosmologische Unschärferelation als in die Möglichkeit auch irdischer Beheimatung steht also unter dem Auschwitz-Vorbehalt. Anders als Hans Jonas kann ich das Kreuz als die einzig mögliche Antwort auf das monumentalste Fragezeichen der Menschheitsgeschichte, das Hakenkreuz, versehen. Nirgends sonst ist meine reformierte Familiensiegeldevise "ab ligno mors, ab ligno vita" so brennend aktuell wie hier. Die Mitwirkung der Schlange von Eden auf der Täterseite des Abgrunds Auschwitz ist mit Händen zu greifen. Aber wer bei unserem nationalen Sündenfall nicht an Erbsünde glaubt, sondern ausschließlich politische Maßstäbe anlegt, greift zu kurz. - Deshalb ist der inspirierte wahrheitsförmige Mythos von Genesis 3, die Basis des Mysteriums Christi, hier zeitgeschichtlich einschlägig. Der Sündenfall ist kein Ereignis in Raum und Zeit, sondern die transhistorische Qualität aller Ereignisse in Raum und Zeit. Um seinetwillen wurde und wird immer wieder aus guter Schöpfung Adams gottverfluchter Ackerboden. Je nachdem, was man beobachten will, erweist sich ein Lichtquant bekanntlich als Korpuskel oder Welle. So könnte es sich auch mit der kosmologischen Unschärferalation verhalten. Sie ermöglicht, irdische Beheimatung auf Zeit und immanentistisches Gottvertrauen unter dem Auschwitz-Vorbehalt, der weiß, daß vor Gottes österlichern Handeln der Karfreitag liegt. - Mündiges Christsein vermag unverschuldete Schicksalsungunst als kyrenisches Kreuztragenhelfen zu verstehen, das einen Platz in der Heilsgeschichte verschafft. Simon von Kyrene kam vom Feld und wollte nur sehen, was es da in Jerusalem besonderes gab. Er wurde gezwungen, dem gegeißelten Weltheiland das Kreuz zu tragen. So geriet er ins Evangelium. Ohne ihn wäre die Heilsgeschichte um eine entscheidende Symbolfigur ärmer. Von ihm können wir lernen, unser Päckchen klaglos kyrenisch zu schultern, für einen besonders ehrenvollen Eintrag im Buch des Lebens.