Thema: Die Unschärfe

Montag, 24.1.2005. Da ich kein Prophet bin, sondern nur nachvollziehbar Zwei und Zwei zusammenzähle, staune ich über die geistliche Substanz manchen Griffelspiels immer wieder selbst, so auch über die des gestrigen, dessen Nachhall nach Textschluß harmonisch klang. Ich hatte ganz beiläufig den Kindern Israels ihren religiösen Partikularismus madig gemacht und das Alte Testament mit einem Federstrich über weite Strecken entmythologisiert. Vor dem Vorwurf des christlichen Antisemitismus bin ich dadurch geschützt, daß ich nur einer jüdischen Stimme nachsprechen der des Philosophen Hans Jonas in seinem "Gottesbegriff nach Auschwitz". Um das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten, muß ich einräumen, daß die Synagoge gegenüber der Ecclesia das Erstgeburtsrecht hat und daß religiöser Partikularismus für die Anfänge des großen Ganzen unvermeidlich ist. - Nur gibt es eben einen geistlichen Erkenntnisfortschritt hin zum Universalismus des Humanum im Neuen Testament und über die Heilige Schrift hinaus in Tradition und Glaubenssinn des Kirchenvolkes. Und den aktualisiere ich, wenn ich Zwei und Zwei zusammenzähle. Nachdem partikularistischer Monotheismus jenseits der notwendigen Anfänge ein hölzernes Eisen ist, sind die Friktionen des jüdischen immanentistischen Messianismus mit dem brutum factum des Weltganzen vorprogrammiert. Das Alte Testament ist die Urkunde der notwendigen Anfänge. Bei ihr bleibt jüdische Frömmigkeit stehen und bringt sich damit um das Eigentliche, auf das die Anfänge hinauslaufen. Das gestrige Hauptmerkmal war die Weisheit des kleinen Einmaleins meiner geistlichen Besonnenheit. - Dieses sagt mir, daß Gottes Allmacht bei der universellen Feinsteuerung des Weltgetriebes aus systemischen Gründen, die Schopenhauer aufzeigt, die Hände gebunden sind, zeichenhafte wunderbare Schicksalsgunst gegen die Statistik allerdings vorbehalten, wie etwa Lourdes beweist. Diese "Sechser im Lotto" belegen, daß Schopenhauer doch nicht ganz zu Ende gedacht hat, nichteinmal immanentistisch. Um dieser Ausnahmen willen sind Stoßgebete in eigener Sache, Fürbittgebete um das irdische Wohl anderer und das Gottseidank bei spürbarem Segen sowie die Klage bei unverschuldeter Schicksalsungunst systematisch-theologisch nicht kontraindiziert. Auch meine schopenhauersche Verneinung des Willens zum Leben, aus- gedrückt im vollen Aschenbecher, kalkuliert insgeheim mit der Hoffnung auf eine evolutionäre Beißhemmung beim Fenriswolf des Schicksals, dem ich die ungeschützte Kehle darbiete. So rauche ich ad maiorem Dei gloriam, auch weil transzendentistischer Zuversicht die Mortalitätsstatistik der Halbgötter in Weiß eine cura posterior ist. - Da mein Bruder Leib nun einmal nikotinabhängig ist und es übermenschliche Willenskraft bedürfte, ihm das auszutreiben, ist bei meiner Maxime "du sollst nicht wollen" das Weiterrauchen die logische Folge. Vielleicht bin ich ja ein statistischer Ausreißer und erreiche trotzdem ein biblisches Alter. Wegen dieser Möglichkeit ist mein Nikotinabusus kein Selbstmord auf Raten. Suizid wäre nämlich eine schwere metaphysische Hypothek und auch Schopen- hauer widerrät ihn dringend. Statistisch geht mit allmächtiger göttlicher Feinsteuerung des Weltgetriebes gar nichts, aber es gibt eben statistische Ausreißer auf der Basis der Einzigartigkeit des Selbst und der Tatsache, daß jeder Mensch ein Einzelner vor Gott ist, dessen milde Güte zuweilen immanentistisch ein Zeichen für alle setzt. Nachdem aber auch der Fürst dieser Welt immanentistisch Gratifikationen für treue Dienste ausreicht, ist Erfolg, oder ein tatsächlicher Sechser im Lotto kein Indiz für Gottes Segen, eher für eine existentielle Prüfungssituation. - Für die Schöpfung hat es bekanntlich nicht nur sieben Tage, sondern dreizehn Milliarden Jahre gebraucht. Der Neodarwinismus bestreitet energisch eine Teleologie der Evolution und meint, dieser Abgrund von Zeit habe ausgereicht, um nur mit Zufall und Notwendigkeit all die Gestalten der Negentropie hervorzubringen, die wir Schöpfung nennen. Statistisch mag das zutreffen, statistische Ausreißer jedoch vorbehalten, die dem Herzen eine Spur von göttlicher Teleologie nahe- legen. Deshalb spricht meine Frau zu Recht von Sünde, wenn ich die Gottesgabe Pflaumen des Vaterbaums Augentrost im Garten zur Erntezeit nicht vom Boden auflese. Es scheint eine Unschärferelation zwischen den Polen "gute Schöpfung" und "Adams gottverfluchter Ackerboden" zu geben. Deshalb ist meine Schopenhauerei doch wohl ein bißchen monopolar. Meine immanentistische Spekulation ä la Baisse bedarf der Relativierung. Gott würfelt eben doch, hat Heisenberg gegen Einstein herausgefunden. Die quantenphysikalische Unschärferelation findet sich auch kosmologisch wieder. Wohl ist der Welt Gesamtwille blind, aber zuweilen nimmt ihn eben doch der liebe Gott an die Hand.