Thema: Die Versöhnung

Freitag, 21.1.2005. Nach Textschluß erinnerte ich mich gestern daran, daß ich am Vortag mit Bruder Pius Einigkeit darüber herstellen konnte, daß auch die purgatorischen Umwege zum Endziel der Vorsehung am Ort des Heiligen im Außen von Raum und Zeit nur Vorletztes sind. Das nahm dem Wort des höllenfürchtigen heiligen Augustinus im jüngsten Text seine Schärfe und bestätigte meine via Frossard höllenlose Eschatologie des paulinischen Pan-en-theismus im Amt. Strittig war dann nur noch die Frage, ob die Flutkatastrophe unerforschlicher Ratschluß Gottes ist oder mit seinem lenkenden Schaffen nichts zu tun hat. Meine theodizee- vermeidende Schicksalstheologie tendiert dahin, das Seebeben als Collateralschaden des kreativ-negentropischen blinden Willens nach Schopenhauer aufzufassen und nur eine mitleidende Zulassung Gottes anzunehmen. – Während beim Abgrund Auschwitz des Humanum Teufels Beitrag unübersehbar ist, bedarf ich seiner Mitwirkung als Erklärung für Naturkatastrophen nicht. In der Natur, und auch die Technik ist Natur im weiteren Sinne, gibt es nur das sogenannte Böse. Schuld ist da nur der Welt blinder Gesamtwille. Er wurde vom Schöpfer urknallanfänglich ex nihilo mit den Gesetzmäßigkeiten von Zufall und Notwendigkeit in Marsch gesetzt und hat gegen den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik auf- tragsgemäß immer mehr Negentropie hervorgebracht, die wir Schöpfung nennen und die durch Gott von Ewigkeit her vorausgewußt und zugelassen, aber nicht kreationistisch im Detail ins Sein gerufen ist. Des Kosmos janusköpfiger Gesamtwille ist kreativ, aber blind. Dadurch kommt es zu großen und kleinen Collateralschäden im schöpferischen Krieg der evolutionären Zukunftsdynamik, die aber nur Vorletztes sind und, vorausgewußt, von Gott mitleidend zugelassen werden. Das gestrige Hauptmerkmal war die Schopenhauerisierung meiner geistlichen Besonnenheit. Darauf reimt sich auch meine buddhistoide Unterlassungsethik nach der Maxime "du sollst nicht wollen". Nur die Einsicht in die raumzeitliche Endlichkeit des Kosmos und das Gewahrsein von Transzendenz auf der Basis überastronomischer Unwahrscheinlichkeit evolutionärer Genese der Einzigartigkeit des Selbst unterscheiden meine Auffassung noch von der des Meisterdenkers mit dem bösen Blick. Daraus folgt allerdings eine transzendentistische Zuversicht im Sinne des Urbild-Abbild-Dualismus von Transzendenz und Immanenz, die dem abendländischen Exponenten von Buddhas fernöstlichem edlen achtfachen Pfad denkbar fern lag. Fürs Vorletzte ist mir "Welt als Wille und Vorstellung" kanonisch, aber fürs Eschaton tue ich den Sprung in den Glauben. Bei diesem Sprung bin ich angeseilt, denn wenn man via Gehirn-Geist-Dualismus auf naturwissenschaftlicher Basis Transzendenz zu denken vermag, ist Eschatologie nur noch eine Frage des Wie, nicht mehr des Ob. - Nachdem Frossard empirisch den über dreitausend- jährigen jüdisch-christlichen Monotheismus verifiziert hat und das Sosein Gottes als "milde Güte" kennzeichnet, ist für das Hier und Jetzt die Stunde meiner theodizeevermeidehden Schicksalstheologie gekommen. Damit ist eine Versöhnung mit Schopenhauer unausweichlich. Die antike Gnosis allerdings kannte die Denkfigur vom Demiurgen, einer nachrangigen und fehlbaren Weltbaumeistergottheit, die von Gott ins Amt eingesetzt worden und für das Leid und das Böse in der Welt verantwortlich zu machen war, während höheren Orts die Hände sauber blieben. Mein Konzept erinnert ein bißchen daran. Die frühe Kirche aber hat gegen die Gnosis einen Kampf auf Leben und Tod geführt und ich möchte nicht wie C.G. Jung in den Verdacht neognostischer Umtriebe kommen. Aber man kann nicht beides haben: Friedensschluß mit der Urknall- und Evolutionstheorie und um- fassende göttliche Feinsteuerung des Weltgetriebes. - Ein Kompromiß ist nötig. Ich sehe ihn darin, den blinden Willen als ontologische Quintessenz der Immanenz zu verstehen. Bei einer göttlichen Feinsteuerung des Weltgetriebes wären wir verkabelte Glücksautomaten und nicht endlich-freie Partner der Schöpfung. Wir sind nämlich kraft Übernatur durch Beselbstung im Mutterleib nicht nur Geschöpfe, sondern auch Partner der Schöpfung. Der Preis sind die Collateralschäden durch des Kosmos janusköpfigen Gesamtwillen als nur Vorletztes. Schopenhauers Eschatologie bestand in der Verneinung des Willens zum Leben und dem Hineinsterben in ein Licht heller als tausend Sonnen, Ende offen. Mir ermöglicht mein angeseilter Sprung in den Glauben die Auffassung, daß die Zustandsänderung durch den Tod der Befreiung aus Platons Höhle gleichkommt, Ende: universelle Fülle des Seins in bleibender Gemeinschaft mit Gott am Ort des Heiligen im Außen von Raum und Zeit. Diesen konnte Schopenhauer noch nicht denken, weil er den Kosmos für ewig und unendlich hielt. Aber ansonsten hat er tief geblickt, deshalb ist auf dem Hintergrund der Flutkatastrophe für mich eine Versöhnung mit ihm unausweichlich.