Thema: Das Postfach

Mittwoch, 12.1.2005. Nach gültigem schriftlichen Tun mit Vortagsanteil kam gestern meine Frau mit Biernachschub. Ihre Reaktion auf meinen Internet-Text war achselzuckend und mündete in die Worte "der Teufel ist nicht mein Thema". Nach dem Abschied vervollständigte ich den Frühschoppen bis zum Aufbruch für die Dienstagserledigungen. Diese erbrachten die für Anschlußmedikamente erweiterte Wertschöpfung, Tabak, Drogeriebedarf und Imbiß sowie die am Szene-Standort überbrückte Reinigung der Schmutzwäsche im Waschsalon. Der anschließende Routinetermin beim Seelenheilkundigen am frühen Abend entsprach meinen nüchternen Erwartungen. Als ich sechseinhalb Stunden später wieder daheim war, rief ich meinen Sohn an. Der Text hatte ihm gefallen und war schon im Netz. Ich vertagte den Sachzwang Schreibmaschine und ließ das Radio schweigen. So trugen mich zunächst Tabak und Bier allein und Radioschall erst spät in die Nachtruhe. Das gestrige Hauptmerkmal war der Welt kalte Schulter, denn ich hatte im Wartezimmer des Arztes erstmals Bilder von der Flutkatastrophe gesehen. - Die ist weder Gottes Werk noch Teufels Beitrag, sondern ein Drittes, nämlich der blinde Wille der evolutionären Zukunftsdynamik, der von Zeit zu Zeit die Zerbrechlichkeit des vermeintlich festgegründeten Planeten aufzeigt und von Schopenhauer für die ontologische Quintessenz der Welt gehalten wurde. Diese wies ihm darum lebenslang die kalte Schulter, während mündiges Christsein weiß, daß Adams gottverfluchter Ackerboden, nach Genesis 3, nicht das letzte Wort ist, und welches heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen würde, wenn morgen die Welt unterginge. Der Ort des Heiligen im Außen von Raum und Zeit macht Tragik zu einer Kategorie, die dem Christsein fremd ist. Die Apokalypse des Johannes als inspirierter wahrheitsförmiger eschatologischer Mythos zeigt, daß die zweite Person der Trinität das letzte Wort hat und daß nichts uns scheiden kann von der Liebe Gottes in Christo Jesu, unserm Herrn. - Mein Internet-Text zur Flutkatastrophe will dem unvermeidlichen Sintflut- und Zorn-Gottes-Gerede vorbeugen und dem Theodizee-Atheismus geistlich aufklärerisch die Spitze abbrechen. Dabei kommt allerdings die empathische Betroffenheit zu kurz, weil ich das Unheilsgeschehen bis gestern nur per Radioschall kannte. Erst gestern wies beim Betrachten der Bilder Welt auch mir die kalte Schulter. Nun ist aber der Pfeil schon von der Sehne geschnellt und der Text kann als Dokument kaltherziger abstrakter Rechtgläubigkeit mißverstanden werden. Das gestern nachgeschobene Griffelspiel zur Schlange von Eden, als ein Stück geistlicher Aufklärung gegen die säkulare Naivität in puncto Unheil und Schicksalsungunst, kann demgegenüber wieder Boden gutmachen. Daß es meinem Sohn gefallen hat, wiegt das Achselzucken seiner Mutter mehr als auf. - Dafür gehört meine Frau zu der einen Hälfte der Bevölkerung des Vaterlandes, die gespendet hat, und ich zur anderen. Die janusköpfige Globalisierung zeigt hier ihr mildes Gesicht. Die Welt ist enger zusammen- gerückt und von überallher fließen die Geldströme nach Südasien. Von mir ist kein Tropfen dabei, weil die in Frage kommenden vier Wochen-Fuffis nur symbolischen Wert für die eigene Gewissensberuhigung hätten und ich dieser schon durch das Gebet meines Griffels Rechnung getragen habe. Es fällt übrigens auf, daß die Ölscheichs sich gegenüber ihren südasiatischen Glaubensgeschwistern gleichfalls zugeknöpft verhalten, während die christlich geprägten Nationen wahrhaft großherzig helfen. Auch Frankreich, mit der größten muslimischen Minderheit in Europa, spendet auf Sparflamme und unterstellt der überwältigenden finanziellen Solidarität von Gottes eigenem Land das Motiv politischer Propaganda in der islamischen Welt. - Ein wesentlicher Ertrag des ethisch heroischen Geschehens nach der Katastrophe ist der neuerliche Schulterschluß zwischen der Supermacht in Übersee und den Vereinten Nationen, der durch den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen den ölreichen Schurkenstaat in Nahost unterbrochen gewesen war. Die janusköpfige Globalisierung zeigt also wirklich ihr mildes Gesicht, nachdem die Zerbrechlichkeit des Planeten überdeutlich zutagegetreten ist. Das darf man dann wohl tatsächlich als Gottes Werk verstehen, wobei es an Teufels Beitrag auch nicht fehlt, weil im Katastrophen- gebiet bereits mit identifizierten Leichen und Flutwaisen gehandelt wird, die durch delinquente Adoption für Kinderprostitution vorgesehen sind. - Ich hätte als Angehöriger von Flutopfern weniger Interesse an der Identifizierung von deren sterblicher Hülle um jeden Preis, um diese in die Heimat überführen und bestatten zu'können. Mir zeigt schon das Aschenmehl in der Weichsel des Abgrunds Auschwitz und die verschollene Grablege meines Soldatenvaters in der Südslowakei, daß es darauf nach Adam Riese nicht ankommen kann. Der Ort des Heiligen' im Außen von Zeit und Raum ist nach der Zustandsänderung durch den Tod von überallher erreichbar, da braucht es keinen Gottesacker. Mein Grab wird sein ein Postfach fürs Totengedenken der Hinterbliebenen, keine Wohnadresse. Sollten sich am Ort meiner Reliquien Wunder ereignen, würde ich es allerdings posthum zur Ehre der Altäre bringen. Dann würde ich mich höheren Orts um die vakante Planstelle des Schutzpatrons der respektvollen Agnostiker bewerben. Doch sehr wahrscheinlich ist das nicht.