Thema: Kopfzerbrechen

Samstag, 1.1.2005. Noch vor Textschluß gültigen schriftlichen Tuns mit Vortagsanteil kam gestern mein ehrwürdiger Ernster Bibelforscher zum freitaglichen Traditionsbesuch. Anschließend rief ich meine Frau an und textete dann zu Ende. Die bis zum Dreikönigstag andauernde Weihnachtszeit sicherte die Kontinuität über den säkularen Jahreswechsel hinweg, der mich vollkommen kalt ließ. Ich tauschte nur den Wandkalender aus und bettete die bisher abgetippten Handschriften vom Dezember ins Archiv der Vitrine. "Klarer Kopf ‘04" heißt es da nun über dem Papierstapel. Seit 1999 heißt es schon zum sechsten Mal "klarer Kopf", während das Jahr meiner vorzeitigen Pensionierung unter "Depression 1998" abgelegt ist. Ich schreibe also bereits seit knapp sieben und zwar gültig seit sechs Jahren. Nach dem mehr als ausgedehnten Frühschoppen rückte ich aus zur Asia-Küche, um den vorangehenden Fasttag wieder gutzumachen. Als ich wieder daheim war, schaukelten mich die Ätherwellen über den Sachzwang Schreibmaschine mit Bier und Tabak bis Mitternacht, wo der neue Wandkalender in Kraft trat. Das gestrige Hauptmerkmal war der Radioschall, der den Jahresschluß doch ein bißchen glanzvoll machte. - Den alten Adam habe ich ins neue Jahr mitgenommen. So fragte ich mich heute im Erwachenselend, ob ich alsbald am Schreibplatz wieder mein "Abrakadabra" aufsagen würde, womit das Morgengebet gemeint war. Der alte Adam ist nämlich Atheist. Der Rabbi muß also klären. Der internetfähige Text zur Flutkatastrophe liegt zur Abholung durch den Sohn bereit und stieß soeben bei der Zombie-Phase auf den Hohn und Spott meiner Basisidentität. Doch inzwischen habe ich meine Papierform erreicht, bin im Vollbesitz meiner geistlichen Besonnenheit und finde kein Falsch an diesem Text, wenn er auch auf dem Hintergrund der gestrigen Radiokommentare atemberaubend kühn ist. - Er ist ein Gebet. Das ist neben Soforthilfe im Rahmen des Menschenmöglichen die einzige Form, nicht zu verzweifeln. Mein Erwachensatheismus kann damit natürlich nichts an- fangen. "Ihr sterbt mit allen Tieren, und es kommt nichts nachher", dichtete Brecht, und das ist exakt die Auffassung des alten Adam in mir. Aber der über drei- tausendjährige jüdisch-christliche Monotheismus wurde von Frossard auf empirischer Basis verifiziert, deshalb ist Atheismus nichts als kognitive Zurückge- bliebenheit. Daraus bezieht die unbequeme Partnerschaft des alten Adam und des Rabbi in meiner Brust ihre nie versiegende Triebkraft. Ich kreuze gern die Klingen mit einem Andersdenkenden, wenn es nicht gerade ein Atheist sein muß. Das ist mir nämlich zu blöd. In puncto atheistischer Verzweiflung lasse ich mich nach dem Erwachen von niemandem übertreffen. - Doch daß es auch anders geht, zeigt mir bald darauf die Papierform am Schreibplatz. Das scheinbar auf der Hand Lie- gende ist via Frossard nach den Maßstäben des über dreitausendjährigen jüdisch-christlichen Monotheismus um des Durstes nach wahrer Orientierung willen klärungsbedürftig. Deshalb ist nicht Klerikalismus, sondern Brechts Gedicht "gegen Verführung" Dunkelmännertum. Vom alten Adam in sich weiß mein gestriger andersdenkender Gesprächspartner nichts, deshalb glaubt er auf biblischer Basis an eine ewige Seligkeit unter Immanenzbedingungen und zuckt zur katholischen Auffassung vom Tod als purer Zustandsänderung verächtlich die Achseln. Das sei die Urlüge Satans "ihr werdet sein wie Gott", meint er. Vom Teufel versteht er natürlich mehr als ich. Ich weiß als gelernter Demiurg nur, daß der im Detail steckt. Darum wäre das diesseitige Paradies der Zeugen Jehovas mit seinen grasfressenden Löwen und dem tiefenpsychologischen Schatten in jedes Seligen Brust alsbald die Hölle. - Befragt, wie ich mir die transzendentistische ewige Seligkeit vorstelle, antwortete ich gestern "totaliter aliter, mehr weiß ich auch nicht.” Ich weiß nur, daß "der alte Adam durch tägliche Reue und Buße ersäuft werden" muß nach Luther, wenn die Chose glücken soll. Unter Immanenzbedingungen ist er nicht abzuschaffen, nicht zuletzt deshalb braucht es die Zustandsänderung durch den Tod. Vermutlich ist der tiefenpsychologische Schatten der psychische Exponent des evolutionären Unterbaus der kentaurischen Menschennatur. Dann würde alles, was an uns nur Evolution ist, mit diesem im Tod untergehen. Wir würden aus Platons Höhle befreit. Aber das ist eine andere Geschichte. In Südasien lagen zu Weihnachten bis zu zweihunderttausend Leichen auf der Hand. Schuld war niemand. Grund genug für transzendentistisches Kopfzerbrechen von allgemeinem Interesse. Grund genug für Flaschenpost im virtuellen Ozean.