Thema: Die Katastrophe

Donnerstag, 30.12.2004. Gestern wurde mir nach Textschluß klar, daß meine Basisidentität im Erwachenselend und bei der Morgenroutine getrost "der alte Adam" genannt werden kann, und daß meine obere Identität der Papierform am Schreibplatz als "der Rabbi" nicht schlecht gekennzeichnet ist. Der Rabbi muß klären, was die Wegwerfgefühle des alten Adam abtun wollen, und retten, was zu retten ist. "Der Rabbi muß klären", diese Wendung habe ich in meiner Schulzeit aufgeschnappt, weiß aber nicht mehr, woher sie stammt. Sie bezeichnet perfekt den Grundimpuls meines schriftlichen Tuns per aspera ad astra, das mit positivem Denken nicht das mindeste zu tun hat. Sie besagt, daß das scheinbar auf der Hand Liegende nach den Maßstäben des über dreitausendjährigen jüdisch-christlichen Monotheismus klärungsbedürftig ist. - Als schließlich meine Frau mit Biernachschub kam, konnte ich ihr die drei jüngsten Griffelspiele zu Ken- ntnis bringen. Sie meinte, so positive Texte hätte sie von mir schon lange nicht mehr vernommen. Anscheinend hat der Rabbi also mehrfach seine seelsorgerische Pflicht getan. Nach dem Abschied trank ich noch ein frisch angeliefertes Bier und machte mich dann auf den Weg zur nachgeholten infrastrukturellen Betriebsamkeit. Anderthalb Stunden später wieder daheim, hörte ich bei Bier und Tabak Radioschall bis zum Sachzwang Schreibmaschine. Anschließend trugen mich die Ätherwellen bis in die Nachtruhe. Das gestrige Hauptmerkmal war der eheliche Konsens in Sachen Glückstag nach Weihnachten und Schwiegerfamilie. - In Südasien hat unmittelbar nach Weihnachten ein Seebeben eine Flutkatastrophe mit bis zu zweihunderttausend Todesopfern ausgelöst. Mutter Evolution verschlingt ihre Kinder. Mit Gottes lenkendem Schaffen hat das nichts zu tun. Es sind die wirren Klecksereien, die Zufall und Notwendigkeit der evolutionären Zukunftsdynamik auf die göttliche grundierte Leinwand des lebbaren Status Quo malen. Es reimt sich nicht hienieden. Bei einer göttlichen Feinsteuerung des Weltgetriebes wären wir verkabelte Glücksautomaten und nicht endlich freie Partner der Schöpfung. Ich tröste mich damit, daß der Tod nicht der Schlußpunkt, sondern nur eine Zustandsänderung ist und daß auch zweihunderttausend Tode nur ebensoviele Einzelne vor Gott betreffen. Vor allem, daß nicht menschlicher ultimativer Frevel im Spiel ist, mindert den Druck auf mein Gemüt, der nach gestrigem diesbezüglichen Radioschall heute im Erwachenselend am stärksten lastete. - Inzwischen habe ich nach dem Morgengebet und der zweiten Zigarette am Schreibplatz wieder Tritt gefaßt. Ich wende den Blick vom fernen Unheilsgeschehen wieder in die goldenen Zeiten und Breiten hierzulande, die den hiesigen Mühseligen und Beladenen zwar als so golden nicht erscheinen, aber vergleichsweise auch für sie immer noch exis- tentiellen Reichtum bedeuten. Gottes erhaltendes Schaffen der grundierten Lein- wand des lebbaren Status Quo ist in meinem Vaterland nach dem nationalen Sündenfall des Abgrunds Auschwitz in der ganzen Welt vielleicht am stärksten ausgeprägt. Die Regierung hat der fernen Katastrophenregion vierzig Millionen in alter Währung an Soforthilfe zugesagt, und meine betuchte Frau erwägt, im Rahmen der Silvesteraktion "Spenden statt Böller" ihre gesamten Ersparnisse dranzugeben. - Ich bin mangels Masse zu solch ethischem Heroismus nicht verpflichtet. Die neuerliche Erhöhung der Tabaksteuer bedeutet für mich einen Fasttag mehr pro Woche. Über die Aufdrucke der europäischen Gesundheitsminister auf dem Tabakpäckchen, "Rauchen kann tödlich sein" und "Rauchen kann zu einem langsamen und schmerzhaften Tod führen", muß ich angesichts des fernen Un- heilsgeschehens die Achseln zucken. Das ist die Philosophie des Gehirn- Geist-Monismus nach dem herrschenden Paradigma "Bewußtsein aus Materie", die aus dem Dasein in der Immanenz das letzte Quentchen Leben herauspressen will, weil ihr der Tod ein Schlußpunkt ist. Mir ist er nur eine Zustandsänderung, die früher oder später auf mich zukommt, evolutionär bedingte kreatürliche Todesangst natürlich vorbehalten. - Mutter Evolution hat uns zum Überleben um jeden Preis ausgerüstet, nicht zum Erkennen. Deshalb muß der Rabbi immer wieder klären. Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen, wir sind in seine Macht gegeben. Das scheinbar auf der Hand Liegende ist nicht das, was letztlich zählt. Darum ist diesbezügliches Kopfzerbrechen zielführend. Am Glückstag hat es bei mir Klick gemacht in Maria Schnee. Nur das Heilige bringt mich zum Weinen. Ich wußte mich unverbrüchlich als Einzelner vor Gott, und als solcher betrachtet mit milder Güte, Sünden und Schicksal hin oder her. Deshalb kann mich das nachweihnachtliche Seebeben in der ungesegneten Ferne nicht an meinem Glauben irre machen. Es sind bis zu zweihunderttausend Einzelne, welche die Reise in Gottes Ewigkeit angetreten haben. Kein Grund, das Rauchen aufzugeben. Die Katastrophe ist nur Vorletztes. Das Letzte ist beseligend. Nach dem Wort des heiligen Augustinus “hienieden brenne und schneide, doch verschone mich in der Ewigkeit” ist es nur noch die Frage, ob es unmittelbar anschließend oder erst auf purgatorischen Umwegen kommt.