Thema: Das Fundament

Mittwoch, 15.12.2004. Die Reaktion meiner Frau auf die letzten vier religiös tingierten Texte beim gestrigen Bierlieferungsbesuch war diffus kaltschultrig und zeigte mir, daß ich nur mein Steckenpferd geritten hatte. Nach dem Abschied trug Radioschall bis zum Aufbruch für die diesmal knappen Dienstagserledigungen. Wertschöpfung, Tabak, Kaffee und Imbiß - das War's schon. Nach der Heimkehr eine Stunde später schaukelten mich die Ätherwellen über den Sachzwang Schreibmaschine bis zur Nachtruhe. Das gestrige Hauptmerkmal war die Not der Unbeachtlichkeit eines Hobbytheologen. - Sie könne "einfach nicht glauben, was die Kirche sagt", hatte die Besucherin gestern letztinstanzlich vernehmen lassen. Ich muß mich also damit abfinden, daß jeder Versuch, ihr gegenüber das katholische Lehramt säkular zu verdolmetschen, zum Scheitern verurteilt ist. Vor allem die frostige Reaktion auf den Vortrag des gestrigen Textes hatte mir ins Herz geschnitten. Da ich nicht mehr zu bieten habe, als "was die Kirche sagt", perlt alle meine prodaganda fidei an ihr ab wie Wasser am Felsen. Meine "Religiosität unter Schizophreniebedingungen" hält sich ja strikt an das frossardbeglaubigte Lehramt der Una Sancta und meidet nur aus gesundheitlichen Gründen die Teilnahme am religiösen Betrieb. Da ist die einzig mögliche geistliche Praxis eben die propaganda fidei im familiären Bereich. - Übrigens stellt meine Frau in Abrede, das Töchterchen ajesuanisch beeinflußt zu haben. Bei ihr könne jeder nach seiner Fasson selig werden. Da auch ich rechtgläubiges Fürwahrhalten nicht als eschatologisch relevant ansehe, zielt meine sehnsüchtige Erwartung eines familiären Miteinanders unter Glaubensbedingungen nicht etwa auf Seelenrettung, sondern nur auf asymptotische Annäherung an die absolute Wahrheitsachse, um des Durstes nach wahrer Orientierung willen. Das einzige, was mich diesbezüglich von den Meinen unterscheidet, ist, daß ich mich bedingungslos auf Frossard eingelassen habe. Daraus folgte meine Spätkonversion und daraus folgte alles andere, was man auch Hobbytheologie nennen könnte. - Die Not von deren familiärer Un- beachtlichkeit geht mir zwar manchmal an die Nieren, aber die Konversion des Sohnes vor heute genau drei Jahren und das bevorstehende katholische Jawort des Töchterchens mit seiner ehesakramentalen Bindungswirkung sind Indizien dafür, daß sich etwas bewegt, wenn ich in die Pedale trete, um nicht umzufallen. - Die vornehmste Bestimmung des Humanum ist der Durst nach wahrer Orientierung. Mir verschafft meine schmale Begabung zum Wort in dieser Hinsicht einen kleinen aber entscheidenden Vorsprung, der mich befähigt, Frossards sprachmächtig sich selbst beglaubigendes Theophanie-Zeugnis radikal ernstzunehmen. Ich bin ein Wortmensch und schaue mit den Ohren. Von meinen drei Augenmenschen kann ich also nicht erwarten, daß sie Frossards Büchlein in gleicher Weise wertschätzen. Für sie ist es nur ein Wörtergrab zwischen zwei Buchdeckeln im Regal wie tausend andere, für mich ist es verpflichtende Offenbarung. Als nur katholischer Insider-Bestseller ist es inzwischen hierzulande vergriffen, was für weitverbreitetes Desinteresse spricht. Mit Lichtenberg ist da allerdings zu fragen, ob, wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen und es hohl klingt, das allemal am Buch liegt? - Dieses hier ist das missing link zwischen säkular und sakral. Seine anstößige Pointe ist, daß man blutig ernst nehmen muß "was die Kirche sagt", und zwar nicht um des Seelenheils, sondern um des Durstes nach wahrer Orientierung willen. Mein damaliger politischer Protestantismus hat Jahre gebraucht, um das zu verdauen. Da ich aber erkenntnis- theoretisch nicht der nicht gern irrenden Amöbe gleiche, sondern meine Irrtümer liebe, um aus ihnen zu lernen, war es dann schließlich so weit und ich wechselte vor dreizehn Jahren das konfessionelle Lager. Das hatte sofort den Kirchenaustritt meiner dadurch entnervten Frau zur Folge, die mich als protestantischen Freigeist geheiratet hatte. - So ist eigentlich Frossard schuld, daß meine Frau nicht "glauben kann, was die Kirche sagt", während er bei mir die Dolmetscherfunktion zwischen säkular und sakral in Gang gesetzt hat. Seine Bewährung in Weltdingen als Publi- zist des konservativen Pariser "Figaro" gehört schon der Vergangenheit an, er hat bereits die Reise in Gottes Ewigkeit angetreten und kann für unseren ehelichen Dissens nicht mehr haftbar gemacht werden. Von ihm wird bleiben, auf empirischer Basis die älteste Causa der Menschheit letztinstanzlich affirmativ entschieden zu haben: "Gott existiert, ich bin ihm begegnet". Letztinstanzlich ist das allerdings nur dem Wortmenschen, der mit den Ohren schaut. Dagegen, daß es für das gros bloß ein Wortgrab ist, zwischen zwei Buchdeckeln im Regal wie tausend andere, kann man nichts machen. Für mich ist es das Fundament meines religiösen Fürwahrhaltens und das primum movens meiner asymptotischen Annäherung an die absolute Wahrheitsachse.