Thema: Geschmacksache

Freitag, 29.10.2004. Nach gültigem schriftlichen Tun mit Vortragsanteil entfiel gestern das Ehetelefonat wegen Aushäusigkeit meiner Frau, dafür war für den Nachmittag ihr nachgeholter Sachzwangbesuch angesagt. Nachdem ich in der Regel, ohne Vergangenheit und Zukunft auf gepackten Koffern sitzend, die Augen zum Hier und Jetzt zu meinen Füßen niederschlage, aber im jüngsten Text davon eine Ausnahme gemacht hatte, war ich für die Manifestation überschüssigen Bewußtseins nach dem Morgenfenster etwas aus dem Rhythmus. – Im Beutel hatte ich bis nächsten Dienstag fünfzehn Zehner in alter Währung, deshalb war mein zuvor gefaßter Fastenentschluß nicht finanziell bedingt. An diesem Tag wählt Gottes eigenes Land wieder mal seinen Präsidenten, darum hob ich den Blick vom Boden und faßte die kommenden sechs Tage gegen meine Gewohnheit ins Auge. Zur Wahl stehen ein Kritischer Rationalist und die nicht gern irrende Amöbe, die derzeit das Amt innehat. Dem Philosophen Karl Popper zufolge ist, wer, wie Einstein, seine Irrtümer liebt, um aus ihnen zu lernen, ein Kritischer Rationalist und gleicht, wer nicht gern irrt, erkenntnistheoretisch der Amöbe. Leider kompromittiert diese hier die Sache Jesu sehr wählerwirksam durch täppischen Glaubenseifer, so daß sie vermutlich das Rennen machen wird. Ohne religiöse Buchstäblichkeit geht in Übersee in der Politik gar nichts, da hat Paul Tillich, als seinerzeitige theologische Autorität schlechthin, Wasser gepflügt. – Meine freiheitliche geistliche Besonnenheit, bezogen auf das fleischgewordene Wort, würde überm großen Teich eingehen wie ein Primelpott, deshalb halte ich dem Kritischen Rationalisten die Daumen, obwohl auch er ein Kandidat des großen Geldes und es im Grunde wurscht ist, wer dessen Galionsfigur abgibt. So viel zum zweiten November. Der erste ist mir wichtiger. Ich werde mit meiner besseren Hälfte grabflegehonorar-schuldenfrei zum Friedhof reisen und der Volksfrömmigkeit Rechnung tragen. Ihr gestriger Sachzwangbesuch blieb wieder ohne adäquate Textrezeption, aber unsere gemeinsame Grablichtleinpietät ist mir Konsens genug. Das gestrige Haupt- merkmal war mein Blich nach vorn. – Dieser kam mir heute in der Zombie-Phase regelwidrig vor und ich hatte Papierkorbgelüste niederzuhalten. Inzwischen habe ich aber wieder meine Papierform erreicht und bin damit zufrieden. Die Polit-Passage ohne Sitz im Leben hatte ich gestern, auf Anfrage, meiner Frau vorgetragen, die den Herausforderer im Präsi- dentenwahlkampf nicht weniger verabscheut als den Amtsinhaber. Sie hatte konstatiert, daß wir uns wenigstens da einig seien. Unsere politische Sicht der Dinge ist auch in Übersee weit verbreitet, wie man überhaupt die Dortigen nicht an ihren Exponenten messen darf. Allerdings ist die Neue Welt trotzdem nicht mein Traumziel, wie für die Eliten hierzulande. Ich würde dort vor Heimweh nach dem Abendland verschmachten. Von hier aus geht es in alle Richtungen seinsstrukturell und heuristisch bergab, auch nach Westen, Nobelpreisbilanz hin oder her. – Nur läßt die Globalisierung auch mir keine andere Wahl, als hin und wieder einen großen Blick übern großen Teich zu werfen, weil bei dortigen Weichenstellungen nolens volens auch Europas Sache verhandelt wird. In der Alten Welt genießt der Herausforderer des zweiten November durchweg mehr Sympathien als der bigotte Amtsinhaber, weil die hiesige empfindliche Balance zwischen säkular und sakral beim Kritischen Rationalisten als überseeischen Schirmherrn besser aufgehoben wäre. Nur ist das Wahlvolk eben mehrheitlich selbst bigott, da wird Unsereinem am zweiten November wohl der Schnabel sauber bleiben. Nicht von ungefähr heißt es ausgerechnet auf den ausbäuterischen grünen Dollars “wir vertrauen auf Gott”. Eine schlimmere Blasphemie ist in meinen Augen nicht vorstellbar. Aber sie meinen’s ernst und halten es für Frömmigkeit. Da ist mir das Fehlen des Gottesbezugs in der werdenden europäischen Verfassung doch lieber. Auch zwischen alter und neuer Welt gilt Rudyard Kiplings Satz “East is East and West is West, and never twain shall meet”. Tillich hat in Übersee Wasser gepflügt. Religion ist zwar nicht Privatsache, aber eine Frage des guten metaphysischen Geschmacks. Überspitzt gesagt: Geschmacksache.