Thema: Das Lebenspanorama

Sonntag, 17.10.2004. Nach gültigem schriftlichen Tun mit Vortagsanteil staunte ich gestern über die aus dem Moder der Matratzengruft heraus erreichte Gesittungshöhe, aber meine obere Identität begann bereits wieder mit dem Sinkflug hin zur Basisbefindlichkeit. Der Wegebau über nicht nur meine Depression pausierte bis zum nächsten Morgenfenster. Das Ehetelefonat war frisch und munter und kündigte einen Sachzwangbesuch am frühen Nachmittag an. Ich widerstand der Versuchung, für diesen Zweck die Konzentrationsübung Schreibmaschine vorzuziehen, denn ich habe auch meinen Stolz. - Stattdessen ließ ich mich vom ausgedehnten Frühschoppen an die Mittagsstunde tragen, von wo ab Radioschall das Bewußtseinsregiment übernahm, bis meine bessere Hälfte auf den Plan trat, während überraschend der verschollen geglaubte Bruder Pius auf die Dauer eine Flasche Bier einen Ego-Film auf mich projizierte. Der Rezeptionsstreik dauerte an, dadurch geriet meine im Sinkflug begriffene obere Identität in ein Luftloch und sackte deutlich ab. Nach der Sach- zwangbewältigung versuchte sie im Ortsteil-Vorzugsrestaurant mit einem ehelichen Schweinsbraten auf meine Rechnung vergeblich Höhe zu gewinnen. Als ich wieder daheim war, schaukelten mich die Ätherwellen über ein Depressionsnickerchen bis zur Nachtruhe. Das gestrige Hauptmerkmal war mein Fremdsein im Eigensten. - Es gehört zu meiner Religiosität unter Schizophreniebedingungen, daß ich in meinem Proprium nur zu Gast bin und immer wieder in die gottverlassene Basisbefindlichkeit zurückkehren muß. Heute grauste mir im Erwachen vor der von den Nahtoderfahrenen bekundeten Aussicht auf das Lebenspanorama nach dem Doppelpunkt des biologischen Endes. Eine wirksamere escha- tologische Jurisprudenz, als im Beisein der Richtergestalt bezüglich selbst der peinlichsten biographischen Einzelheiten gleichzeitig Zuschauer und Akteur sein zu müssen, kann ich mir nicht vorstellen, zumal davon die Rede ist, daß auch die Auswirkungen auf andere in den feinsten Verästelungen vor Augen gestellt werden. Ein nicht geringer Teil meiner frühmorgendlichen Todesangst bezieht sich auf das Lebenspanorama, ist also eigentlich Angst vor der eigenen Lebenswahrheit. - "Mei potscherts Lelm, des is mei Braut", sang André Heller. Das kann ich von mir nicht singen. Ich bin ein Fremdling in der eigenen Haut, und wenn mir im Lebenspanorama die Spesenrechnung präsentiert wird, werde ich Gnade nötig haben. Allerdings wird von der Richtergestalt, die einige Experiencer Jesus Christus nennen, milde Güte berichtet, so daß ihr Beisein nicht peinigt, sondern lindert. Das scheint schon das ganze Gericht zu sein, in dessen Konsequenz die abgeschiedenen Seelen sich aus eigener Einsicht in das "Tat twam asi" auf die unterschiedlichsten purgatorischen Umwege zum letzten Ziel der Vorsehung begeben. Auch davon gibt es von einem Bruchteil der Nahtoderfahrungen Belege. Etwa acht Prozent der Experiencer berichten von äußerst verstörenden wenngleich höllenlosen Erfahrungen an der Schwelle der Transzendenz. Das gros der Erlebnisse jedoch ist so beseligend, daß die Betreffenden sich regelmäßig gegen eine Rückkehr in die Immanenz sträubten, woraus ich schließe, daß sie es mit der Wirklichkeit des Urbildes zu tun hatten und die Realität des Abbildes geringachteten. Dem wird die populäre Redeweise vom "Jenseits" nicht gerecht, weshalb ich sie tunlichst vermeide. - In England wird auf den Intensivstationen von fünfundzwanzig Krankenhäusern gegenwärtig eine Langzeitstudie zur Verifizierung der Erfahrung außerkörperlichen Bewußtseins durchgeführt. Ein unter der Decke des Krankenzimmers angebrachter Code, der nur von oben lesbar ist, soll Aufschluß darüber bringen, ob die Nahtoderfahrung nicht die artspezifische Gute- nachtgeschichte eines sterbenden Gehirns ist, wie die Hirnforscher des Paradigmas "Bewußtsein aus Materie" behaupten. Der Sitz im Leben der vorstehenden Gedankenkette ist mein eschatologisches Grausen im heutigen Erwachenselend. Mit "Bewußtsein aus Materie" hätte ich diese Probleme nicht, aber ich bin mit Popper und Eccles Gehirn-Geist-Dualist und nehme die Nahtoderfahrungen bitter ernst. Die Türspalt-Metaphysik reimt sich nicht ganz mit der katholischen Dogmatik, steht zu ihr aber auch nicht im Widerspruch, soweit diese frossardbeglaubigt ist. Diese drei Quellflüsse speisen meine höllenlose eschatologische Bewältigung des Abgrunds Auschwitz im Weg der Ersatzvornahme, da die Una Sancta das eschatologische Büro geschlossen hat. Das hat biblische Gründe, denn die favorisierte Drohbotschaft des Evangeliums widerspricht dem paulinischen Pan-en-theismus. Ich entscheide mich für Paulus. Sein Pfahl im Fleisch qualifiziert ihn für letztgültige Offenbarung auch an die Verlorenen. Wie sollte ich da nicht zugreifen, der ich Grund habe, mein Lebenspanorama zu fürchten?