Thema : voll und schwer

Donnerstag, 17.5.2001. “Gott existiert, ich bin ihm begegnet”, lautet der paradoxe Titel des grundvernünftigen Buches von André Frossard, das ich mehrmals verschenkt habe und nun nicht mehr selbst besitze. Ich tippe ihn in die Maschine und hefte ihn mit Klebestreifen oben an die Vitrine meines Vaters, linker Hand vom Schreibplatz. Das kleine Messingkreuz, mit dem ich ihn amplifiziere, soll die beiläufige Bemerkung Frossards in einem anderen Buch besagen: “Die Lehre der katholischen Kirche ist wahr bis zum letzten Beistrich”. Dieser Satz, geschrieben mit der Autorität eines Theophanie-Erfahrenen, hat mich vor zehn Jahren katholisch gemacht. Ausgelöst wurde die kleine Vormerkung durch die Schamanismus-Attacke im Radio und erinnert mich daran, daß nicht ich spinne, wenn ich bete, sondern daß die anderen spinnen, wenn sie trommeln, tanzen und bellen und die Natur transzendental extrapolieren. Das abendländische religiöse Fürwahrhalten nur auf ein Wort hin ist ja wirklich sehr empiriedürftig, da tat die Besinnung auf das letztinstanzliche Schiedsgericht am 8.Juli 1935 in der Kapelle der Schwestern von der sühnenden Anbetung in der Rue d’Ulm zu Paris mir sehr gut, das den Katholizismus zur größten geistigen Macht der Welt erhebt und noch dessen allerbegabtesten Gegner in den erkenntnis- theoretischen Kindergarten schickt. Frossard beneidete in der Folge alle die, welche weiter nur auf Wort hin glauben dürfen, er selbst müsse wissen und das sei stets mit Versagensangst verbunden, nämlich der Angst, mehr zu fürchten als zu lieben. Übrigens war er, als ihm das Ereignis widerfuhr, ein achtzehnjähriger Atheist und ließ sich daraufhin dreißig katholische Jahre Zeit, um seinen Bestseller zu schreiben. Dieser beglaubigt sich selbst durch die schlichte Grazie der Sprache. Ein Buch welches Hekatomben Weisheitslehrer der Menscheit zu Deppen macht, ist freilich stets in der Gefahr, sekretiert zu werden. Ich scheine weit und breit der einzige zu sein, der aus ihm existentielle Konsequenzen gezogen hat, was bei mir auf eine sehr abendländische Wortempfindlichkeit hindeutet, deren Kehrseite die Naturvergessenheit ist. Daß es mit dieser Präferenz für den Pol Selbst der ontologischen Grund-Struktur Selbst und Welt religiös durchaus seine Richtigkeit hat, daran soll mich also nun der kleine Zettel mit dem Kreuzlein da oben an meines Vaters Vitrine erinnern, zwei mal zwei gleich vier hin oder her. “Zwei mal zwei gleich vier ist Wahrheit. Schade daß sie leicht und leer ist. Denn ich hätte lieber Klarheit über das was voll und schwer ist.” Sir Karl Popper nannte diesen Vierzeiler von Wilhelm Busch den erkenntnistheoretischen Kindergarten...