Thema: Buchstabe und Geist

Montag, 11.10.2004. Im Abendland ist Gottes Wort Fleisch geworden, im Morgenland Buch. Deshalb ist dort gelesene Religion Literatur, gelebte Religion aber Hölle. Diese Feststellungen von arabischen Exilliteraten auf der Buchmesse in der fernen Finanzmetropole, die mich gestern per Radioschall erreichten, trugen entscheidend zu meinem nichtehelichen Fließgleichgewicht bei, auf das ich nach mannweiblicher Vergeblichkeit des Ehetelefonats zurückgreifen mußte. Das schriftliche Tun mit Vortagsanteil war gültig gewesen, konnte aber meine ultimative Isolation nicht relativieren, als ich den Telefonhörer aufgelegt hatte. So verging der Sonntag bergauf und mit Gegenwind, was sich auch an der Makulatur der Manifestation überschüssigen Bewußtseins zeigte, die nach durchschlafener Nacht im Papierkorb landete. Das gestrige Hauptmerkmal war meine Homöostase ganz aus Eigenem. - Denn die Reverenz vor dem heuristischen Adelsbrief des Abendlandes durch unverdächtige Zeugen rechne ich durchaus zu meinem Proprium, der ich nicht müde werde, den auf geistlicher Besonnenheit fußenden kognitiven Primat des eigenen Kulturkreises zu rühmen. Der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig. Diese jesuanische Wahrheit ist auch den Zeugen Jehovas als der fünften Kolonne religiöser Buchstäblichkeit im Christentum fremd, dicht gefolgt von den militanten Fundamentalisten an der Spitze der Neuen Welt, die im Verein mit der bombenträchtigen Kultur der Vergeblichkeit des Islam jedweden Gottesbezug als anrüchig erscheinen lassen. Einzig die Erstgeborenen des Monotheismus kompromittieren Gottes Wort nicht durch täppischen oder gar mörderischen Glaubenseifer, von der orthodox motivierten Erez-Israel-Politik in Nahost abgesehen. - Für sie aber gelten hierzulande andere Maßstäbe, weshalb ich jüdische Allzumenschlichkeit am eigenen Herd nicht auf die Goldwaage zu legen vermag. Am eigenen Herd zeigt sich eben, daß auch sie nur mit Wasser kochen. Allen drei Monotheismen wohnt die Gefahr des religiösen Fanatismus inne. Deshalb greift etwa mein protestantisch geprägter Seelenheilkundiger spielerisch auf die Götter Griechenlands zurück, um die Last der Feinsteuerung des Weltgetriebes auf viele Schultern zu verteilen. Ich aber schütte das Kind nicht mit dem Bade aus und behelfe mich mit meiner theodizeevermeidenden Schicksalstheologie, derzufolge Gottes lenkendes Schaffen unerforschlicher Ratschluß ist, der sich erst nach dem Doppelpunkt des biologischen Endes reimen wird. - Die staunenswerte ethische Bilanz des Buddhismus macht mich an meinem Christsein nicht irre, weil dort der eschatologische Faktor Gnade fehlt, der auf dem Hintergrund der lapsarischen conditio humana unverzichtbar ist. Diese aber ist für mich als Mitläuferkind kraft brauner Herkunft mit Händen zu greifen. Daß Frossards Theophanie-Erfahrung sich im zwanzigsten Jahrhundert und im Herzen meines Kulturkreises vollzog, und die älteste Causa der Menschheit affirmativ entschied, führe ich auf den heuristischen Adelsbrief des Abendlandes zurück. Hier ist der trinitarische Monotheismus durch den Magen der Aufklärung gegangen und so von religiösem Fanatismus weniger bedroht als jede andere Weltreligion, den Buddhismus ausgenommen, der aber schon wegen der rechnerischen Ungereimtheit der Wiedergeburtsidee und wegen der ontologisch kontraindizierten Gnadenlosigkeit des Karmagesetzes von Ursache und Wirkung ausscheidet. Schon das Karma Hitlers führt die buddhistische Eschatologie ad absurdum. - Hierorts ist spätestens seit der Aufklärung Gottes Wort wirklich Fleisch geworden und religiöse Buchstäblichkeit auf dem Abfallhaufen der Geistesgeschichte gelandet. Im Abendland ist gelebte Religion nicht länger Hölle. Deshalb wohl konnte Frossard 1935 in Paris sagen "Gott existiert, ich bin ihm begegnet". Die Terminierung des Ereignisses innerhalb der zwölf braunen Jahre, denen ich entstamme, läßt dieses mich ganz persönlich angehen. Frossards daraus resultierende Abkehr vom Höllendogma verleiht meinem Streben nach eschatologischer Bewältigung des Abgrunds Auschwitz den entscheidenden Impuls. Darum ist mir jedwede innerchristliche Rückkehr zu religiöser Buchstäblichkeit zutiefst suspekt. Wo das Wort Fleisch wurde, tötet der Buchstabe und macht der Geist lebendig. Buchstaben des Gesetzes haben den Heiland gegeißelt und ans Kreuz geschlagen. Vielleicht schreibe ich mir deshalb meinen bescheidenen Bedarf selbst. Das ist meine Art und Weise, höllenlos Religion zu leben.