Thema: Status Quo

Freitag, 27.8.2004. Nach geglücktem schriftlichen Tun samt Vortagsanteil ergab gestern das Ehetelefonat mit Griechenland, daß meine Frau unverändert leidend ist. Das Gespräch war ausgedehnt und warmblütig und mein Anruf wurde dankbar aufgenommen, weil meine bessere Hälfte glaubte, allmählich langweilig zu sein mit dem ständigen Gejammer. Ich sagte, das sei im Gegenteil immer interessanter und habe soeben zu einem neuen Text geführt. Die von mir angeregte Illustration meiner griechischen Sechzigstunden-Inhaltlichkeit kommt allerdings nicht in Frage, weil meine Texte zu abstrakt seien und sie ja doch nur figürlich-abstrakt male. Ansonsten habe aber unsere Zusammenarbeit immer gut funktioniert, sei es bei den Kindern oder sei es im Erwerbsleben. - Vor mir lag dann bis zum abendlichen Sachzwang Schreibmaschine ein großer kahler Tagesrest mit Bier, Tabak und Radioschall. Der Gartenblick vom Schreibplatz zeigte hohes Gras und durchwachsenes Schmuddelwetter. Kein Grund, das Haus zu verlassen, deshalb beschloß ich auch auf die Restaurantmahlzeit bei den Griechen am Wegrand zu verzichten, die am Vortag zum Ausflug außer der Reihe weitergeführt hatte. Als ich gerade zum Bier nach dem Frühschoppen einen Kanten sehr altbackenes trocken Brot zerkaute, rief der Sohn an und avisierte seinen Besuch für den hohen Nachmittag. - Deshalb zog ich den Sachzwang Schreibmaschine vor, um den geglückten Tagestext präsentieren zu können. Schließlich kam der Erwartete und blieb andert- halb Stunden. Das aktuelle Produkt fand er durchaus internetfähig, mir aber war es zu persönlich und so bot ich ihm die Texte "Tabak" und "Zeit und Ewigkeit" zu Weiterbearbeitung an. Den ersten fand er nur machbar, den zweiten ausgezeichnet. So zog er am Ende mit zwei Botschaften für den Cyberspace davon. Nach dem Abschied bierte ich mich mit Radioschall bis zur Nachtruhe. Das gestrige Hauptmerkmal war die Intensivierung meiner Vatersohnschaft. - Daß der Sohn sogar den jüngsten Text für internetfähig hält, ist ein Indiz dafür, daß unser beider Inhaltlichkeiten eine wachsende Schnittmenge bergen, die Voraussetzung für echte Freundschaft. Heute ertappte ich mich, nach dem frühmorgendlichen "Unzustand", zu Beginn des Morgenfensters dabei, unser Verhältnis als wahre "beste Freundschaft" anzusehen, während etwa die Beziehung zu Bruder Efeu nie mehr als deren Karikatur gewesen ist. Unsere Internet-Partnerschaft hat an dieser Entwicklung entscheidenden Anteil auf der Basis, daß ich dem Stammhalter von der Wiege an nie Obrigkeit gewesen bin. Das zahlt sich jetzt als unostentative gleiche Augenhöhe aus. Gestern hatte mein Juniorpartner abends angerufen, um mitzuteilen, daß der Speicherplatz für die beiden neuen Texte noch ausgereicht habe. Bei der Gelegenheit hatten wir für heute Nachmittag wieder einen gemeinsamen Restaurantbesuch auf Kosten der Wochenrücklage für Familienzwecke vereinbart. - Zum baldigen Antritt der Praktikumsstelle bei Leica hat sich der Filius durch den Verkauf einer Kamera liquid gemacht. Staunend hatten wir uns gestern in die Betrachtung des Geldscheins im Wert eines Tausenders in alter Währung vertieft. Das reicht für Kaution und erste Mietzahlung für das Appartement oben auf der Landkarte, das er jetzt drei Monate bewohnen wird. Dafür war ursprüng- lich auf Drängen meiner Frau die Zweckbindung meines Internet-Vorschusses gedacht gewesen, der dann in den Autokauf floß. Einen griechischen Vorschuß der Mama auf die Examensprämie indes hat die Wunschmaschine Sohn bereits spurenlos verpraßt, da stehe ich mit meiner Gabe schön besser da. - Das Ehetelefonat übrigens kommt heute erst abends zustande, weil zunächst im Krankenhaus das Zuckerproblem geklärt werden soll. Unser beider Inhaltlichkeiten bergen kaum eine Schnittmenge, deshalb kann von echter Freundschaft keine Rede sein, nur von friedlicher Koexistenz auf der Basis von Herznachbarschaft. Wohl ver- suche ich es mit Wandel durch Annäherung, aber bis zum Ende des kalten Krieges ist es noch weit. Wie in der großen Politik muß da schon ein Wunder geschehen. Der große katholische Theologe Eugen Biser hat nämlich die unblutige Wiedervereinigung des Vaterlandes explizit als Wunder bezeichnet. Es war ja auch keine "Wieder"-Vereinigung, sondern die Vereinigung zweier Neuanfänge nach der Stunde Null. So würde auch eine allfällige Bekehrung meiner Frau durch Schicksalsungunst nicht zur Wiederherstellung eines früheren Zustandes, sondern zu etwas grundstürzend Neuem führen, dessen existentielle Spesen nicht absehbar sind. Nehmerqualitäten bei Treffern der Faust Gottes sind Männersache. Deshalb ist mir ein bißchen Hybris jenseits der Mauer fast lieber. Es lebe der Status Quo!