Thema: Zeit und Ewigkeit

Samstag, 14.8.2004. Nach gültigem schriftlichen Tun ohne Vortagsanteil und dem menschlich willkommenen aber dienstlich frustrierenden Besuch des Delegationsleiters der Zeugen Jehovas ohne Damenbegleitung war gestern das Ehetelefonat mit Griechenland trotz oder vielleicht wegen anhaltender Ohrenschmerzen meiner Frau warm, mild, vertraut und zugewandt. Dadurch war der nefaste Vortag endgültig "in die Ewigkeit hinabgesunken", wie meine Großmutter zu sagen pflegte. Da die Ewigkeit eine transzendente Einheit aller drei Modi der Zeit ist, war das eine sehr durchdachte Redeweise, die berücksichtigt, daß sub specie aeternitatis das Kommende schon da und das Gegangene nicht vergangen ist. Nur können wir das, in der hartnäckigen Illusion einer Zeitachse, in der Immanenz nicht fassen, wie Einstein kurz vor seinem Tod naturwissenschaftlichletztinstanz- lich feststellte. - Prousts geniale Suche "nach der verlorenenen Zeit" trug dem Illusionscharakter der Zeitachse Rechnung, während meine Zeit-Forschung, mit mit dem Abhorchen der widerfahrenden Zeit auf Herztöne der Ewigkeit, jeden neuen Tag volley zu einer unverwechselbaren Kostbarkeit auf der ontologisch substantiell gedachten Zeitachse zu machen trachtet. Mein Ansatz ist prometheisch nach vorn orientiert, während Proust epimetheisch wie der Engel der Geschichte zurückblickte. Genauer gesagt, blicke ich allerdings nicht nach vorn, sondern nur, der Zukunft zugewandt, zu Boden, wo sich vor meinen Füßen der jeweilige Tag ereignet. Dadurch werden meine Griffelspiele so Hier- und- Jetzig wie nur möglich. - Das hat etwas von Journalismus und ich bekenne mich dazu. Mehr habe ich nicht zu bieten. Zwar spiele ich ein bißchen Literatur, weil die chronistische Faktizität immer feuilletonistisch amplifiziert wird, aber ein Literat bin ich darob nicht, allenfalls ein freier postprofessioneller Journalist, dem, wie dem Mimen, die Nachwelt keine Kränze flicht und dem nichteinmal die Mitwelt Befassung zuteil werden läßt. Das ist mit bitterer Entsagung verbunden, die vom telefonischen Eheleben entscheidend versüßt werden kann. Gestern trug es mich, über die vorauseilende Manifestation überschüssigen Bewußtseins und ein Verlegenheits- nickerchen mit der Strafe Schlaf, der Geisteskrankheit Traum und der Pein des Erwachens, über die Pflichten der Aushäusigkeit wegen Biernachschub und Restaurantbesuch, in den Nachmittags- und Abendrhythmus mit der endgültigen Bettruhe. Das gestrige Hauptmerkmal war meine Zeitung mit dem Schnee von gestern. - Bei mir ist, wohl medikamentös bedingt, die Empfindung, daß das jeweils verflossene Hier und Jetzt endgültig abgetan ist, besonders stark ausgeprägt. Damit meine Tage aber nicht vergehen wie ein Geschwätz, bin ich bestrebt, ihnen volley schriftlich eine inhaltliche Spur abzugewinnen. Schon anderntags ist das quasi eine Zeitung mit dem Schnee von gestern. Von heuristischem Wert ist das so peu à peu entstehende Zeitforschungsjournal in der Registratur erst viel später, vielleicht sogar erst posthum. Es kündet von den Tagen, die in die Ewigkeit hinabgesunken sind und deren jeweiliges Hier und Jetzt eine irreversible inhaltliche Spur hinterlassen hat, während Prousts abgeklärte epimetheische Recherche dem Irrtumsrisiko der Irreversibilität nicht ausgesetzt ist. Meine Zeit-Forschung geschieht ohne Netz und doppelten Boden. Nur ein einziger Nachtschlaf liegt zwischen dem Sachzwang Schreibmaschine und der Zensurlektüre am anderen Morgen, wo der Papierkorb einen mißratenen Vortagsanteil noch aus dem Verkehr ziehen kann wie etwa gestern. - Ich nehme die Zeitachse ernst, denn unter Immanenzbedingungen haben wir nichts Besseres. Wie es mit dem Vorher-Nachher unter Transzendenzbedingungen aussehen wird, ist ein Mysterium, an das ich nicht zu rühren wage. Ich spähe nicht nach vorn und halte Science Fiction für tragikomisch. Als gewesener Planer und Prognostiker von Berufs wegen weiß ich um die Tücken der Trend- extrapolation. Allerdings suche ich auch nicht nach der "verlorenen Zeit" wie etwa meine bessere Hälfte, die gemeinsamem Gewesenen ein untrügliches Elefantengedächtnis bewahrt. Ich schaue quasi zu Boden, wo sich ein vierundzwanzigstündiges Hier und Jetzt ereignet, dem ich zu seinem Recht als einer unverwechselbaren Kostbarkeit auf der Zeitachse schriftlich zu verhelfen bemüht bin. - Es wird eine Zeit kommen, wo diese Perlenschnur marktfähiges Geschmeide ist. Das ist mein einziges ausdrückliches Petitum an die Zukunft, ansonsten hoffe ich nur auf die Fortdauer des Gotteswunders der Normalität. Da die Ewigkeit weder endlose Dauer noch Zeitlosigkeit, sondern eine transzendente Einheit aller drei Modi der Zeit ist, bleibt der immanentistische Ewigkeitsbegriff der Zeugen Jehovas weit hinter den kognitiven Möglichkeiten zurück, und wurde bereits unbekannterweise von Einstein naturwissenschaftlich-letztinstanzlich ausgehebelt, der gesagt hatte, Wissenschaft ohne Religion sei lahm und Religion ohne Wissenschaft sei blind. Schon darum war mir mein gestriger Besucher nur menschlich willkommen, dienstlich aber ausgesprochen fatal. So ontologisch naiv ist sogar Heideggers "Sein und Zeit", da rein immanentistisch. Aber das ist eine andere Geschichte und soll vielleicht ein andermal erzählt werden. Hier und jetzt gönne ich mir erst ein Weißbier, neuerdings wieder ohne Beigeschmack.