Thema: Tabak

Sonntag, 8.8.2004. Nach geglücktem schriftlichen Tun mit Vortagsanteil entfiel gestern das telefonische Eheleben wegen griechischer Aushäusigkeit meiner Frau, so daß das essentielle Sein des Schreibvorgangs unvermittelt aufs nackte "Eksistieren' des großen kahlen Tagesrests prallte. Erst vorm Zubettgehen würden Mutter und Sohn telefonisch erreichbar sein. Ansonsten galt es nur Biernachschub im Lauf des Nachmittags, weiter lag nichts an. Durch einen Laib Pfisterbrot aus ökologischem Anbau hatte ich mich von dem Doppelsachzwang Asia-Küche und Knacks-Klause emanzipiert und konnte mich ganz aufs wesentliche konzentrieren, nämlich auf meinen Bauchnabel. Aber Spaß beiseite: Nabelschau ist etwas anderes als mein Garen im eigenen Saft. Meins ist seinsstrukturell verallgemeinerbar und zielt auf Genießbarkeit durch andere, während Ichsucht Selbstgenuß will und auf Applaus angewiesen ist. Wäre ich grundböse, würde mein knastologischer Lebensstil zu unabwendbarer Selbstzerstörung führen, weshalb Lebenslänglich schlimmer als die Todesstrafe, nämlich die Hölle sein kann. - Nun bin ich aber nur im kafkaesken Sinne schuldig, deshalb betrachte ich meine inneren schwedischen Gardinen als gerechtfertigt und greife nicht zum Gürtel am Fensterkreuz der Zelle, sondern versuche, in ihr wenigstens genießbarer zu werden. Nein, grundböse bin ich nicht, wenn auch mein eschatologisches Credo “alle oder keiner" mir verwehrt, zu ultimativem Frevel und zu ultimätiver Triebdelinquenz einen Trennungsstrich zu ziehen. Das hinduistische Tat twam asi , "das bist du auch", hat an dieser Stelle in meinem Denken seinen Platz. Deshalb ist Kafkas Lebenswerk neben dem Kierkegaards mir immer wieder neu eine erste Adresse, weil es die Tür zur Hölle auf Erden einen Spalt offenhält, so daß ein eschatologisch relevanter Luftaustausch stattfinden kann. Ich glaube nämlich, daß das Tat twam asi in der Transzendenz bei den purgatorischen Umwegen zum letzten Ziel der Vorsehung, universelle Fülle des Seins in bleibender Gemeinschaft mit Gott, eine entscheidende Rolle spielt. Also: Kafka lesen und sterben, dann glückt die Reise. Das gestrige Hauptmerkmal war mein Autorenglück. - Heute im Erwachen machte ich mir ein Gewissen daraus, daß ich gestern das Tippen des Tagestextes buchstäblich vergessen hatte. Die Zensurlektüre der handschriftlichen Fassung ergab jedoch keine Beanstandungen. So ist die Vortagskreativität anders als gewöhnlich nicht bereits aktenmäßig abgetan, sondern ragt mit dem doppelten Sachzwang Schreibmaschine noch ins Heute. Vorm Zubettgehen hatte der inzwischen dort eingetroffene Sohn aus Griechenland angerufen, deshalb gibt es nun nach dem Morgenfenster wieder telefonisches Eheleben und zwar diesmal auf dem Hintergrund eines Zwölftagequantums meiner Inhaltlichkeit und einer namhaften Tabakgabe. - Mark Twain zufolge ist zwar nur männlicher Nikotingebrauch gottgewollt, aber die geistige Nichtseßhaftigkeit meiner Frau verlangt genauso nach dem dopaminspendenden Nervengift wie die meine. Da beide Kinder nicht rauchen, hält sich das familiäre Risiko der Rauchermortalitätsstatistik in Grenzen. Beim Rauchen reicht man dem Fenriswolf des Schicksals die ungeschützte Kehle hin, im Vertrauen auf eine evolutionäre Beißhemmung. Irgendwie ist das ein Dippen der Flagge vor den Insassen der Hölle auf Erden jeweils gleich nebenan. Nichtraucher dagegen zielen auf persönliche Verschonung bis ins biblische Alter und evozieren damit im Grunde die calvinistische, die süße Variante des Theodizeeproblems. Das eschatologisch relevante Tat twam asi ist ihnen völlig fremd. - Da der Fenriswolf je nach Berechnung nur mit zwanzig- beziehungsweise fünfzigprozentiger Wahrscheinlichkeit zuschnappt und der sonstigen Todesursachen bekanntlich viele sind, beruht auch die gegenwärtige globale volkswirtschaftliche Antinikotinkampagne auf einer Milchmädchenrechnung. Der Volksmund der engeren Heimat hat das schon vor Jahrzehnten auf den Punkt gebracht: , 'Rauchst, stirbst, rauchst ned, stirbst aa, oiso rauchst." Lebfrische Hochbetagte, die ad infinitum am Tropf der Rentenversicherung hängen, verursachen mehr gesellschaftliche Gesamtkosten als die kurzzeitigen medizinischen Folgen des Rauchens, falls der Fenriswolf zu- schnappt. Deshalb habe ich dem Sohn guten Gewissens die vierhundert Gramm Vorzugstabak für die Mama mitgegeben. Sie raucht eh nur halb so viel wie ich, der ich in allem unmäßiger bin. Das Leben ist immer lebensgefährlich und in der Hölle auf Erden jeweils gleich nebenan sogar unerträglich. Da kann man ruhig ein bißchen Risiko fahren. Es dient der Vorbereitung aufs transzendente Tat twam asi der purgatorischen Umwege zum letzten Ziel der Vorsehung.