Thema: Tinnitus

Dienstag, 27.7.2004. Nach gültigem schriftlichen Tun samt knappem Vortagsanteil ging gestern aus dem warmblütigen Ehetelefonat mit Griechenland hervor, daß beide Kinder unseren Restaurantbesuch und den Nachtarock als schön und geglückt empfunden hatten. Der trimodale Daseinsvollzug des Tagesbeginns war damit abgeschlossen und ich machte mich ans nackte "Eksistieren". Das ist weniger als Leben aber mehr als untotes Vegetieren. Es ist derjenige Modus des Daseinsvollzugs, mit dem Tillich das Mysterium Christi korreliert. Das "Herausstehen aus dem Nichts ins Sein" mit der ständigen Drohung der Rückkehr zum Nichts ist die Frage, welche Jesus mit seiner Lebens und Sterbensbürgschaft für einen all- mächtigen, liebenden Vatergott, Schöpfer Himmels und der Erden, beantwortet. Deshalb war dem großen protestantischen Theologen der Existentialismus ein Verbündeter des Christentums. - Ich bin in der Zeit zwischen dem Auflegen des Telefonhörers und dem Nachtgebet getaufter Existentialist, nicht gottverlassen wie ganz zu Tagesanfang, aber auch nicht geistleibseelisch von Frömmigkeit durchdrungen wie es echtem Christsein gebührt. Von guten Mächten weiß ich mich nicht wunderbar geborgen und erwarte keineswegs getrost, was kommen mag. Die Antwort Jesu auf die Frage, welche auch ich verkörpere, kenne ich vielleicht in reinerer Klarheit als mancher professionelle Gottesmann, aber das hilft mir nicht beim Existieren. Bonhoeffer hat sein "hic Rhodus hic salta" bravourös gemeistert, doch ich bin weit davon entfernt, mit Glaubenshilfe auch nur über eine Regenpfütze springen zu können. Es reicht gerade für zwölf Stunden Contenance-in-Isolation zwischen dem telefonischen Eheleben und der Bewußtlosigkeit in Morpheus' Armen. - Nicht auszudenken, wenn das Gotteswunder der Normalität, wie einst bei Bonhoeffer, nicht fortdauern sollte! Unter seinem Schutz und Schirm rauchte, bierte und brotete ich mich gestern bis zur Nachtruhe, und hatte nicht mehr verrichtet, als einen brauchbaren Text zu schreiben und ansonsten die Contenance zu wahren. Das gestrige Hauptmerkmal war Haltung. Die ständige Drohung der Rückkehr zum Nichts drückt sich aus im metaphysischen Tinnitus des weißen Rauschens der Wärmetöd-Drift des Willens der Dinge zum Nichts nach dem Entropiegesetz. Diesen Tinnitus hat auch der getaufte Existentialist ständig im Ohr und seine Haltung besteht darin, ihm existentielle Negentropie entgegenzusetzen. - In meinem Fall ist dies das schriftliche Tun, welches nicht wie beim atheistischen Existentialismus Selbst und Welt denunziert, sondern gottesfürchtig die widerfahrende Zeit auf Herztöne der Ewigkeit abhorcht. Wenn trotzdem ein Text denunziatorisch zu geraten droht, landet er im Papierkorb. Der Sog des atheistischen Existentialismus eines Albert Camus war die Crux meiner jungen Erwachsenenjahre, ergänzt wurde er später durch den Maelstrom schopenhauerschen Denkens, das Tillich ebenfalls dem Existentialismus zurechnet. Deshalb bin ich heute als getaufter Existentialist gar nicht weit weg von den Orientierungsversuchen nach Auslaufen meiner religiösen Sozialisation bei den Christlichen Pfadfindern der frühen Nachkriegszeit. - Via Tillich habe ich die Möglichkeit, meine philosophische Prägung als Propädeutik für Christsein zu verstehen, wie ja auch das existentialistische Buch Kohelet des Alten Testaments Propädeutik für das Mysterium Christi ist. Wohl ist alles eitel und Haschen nach Wind, "Du aber bleibst, und wen Du ins Buch des Lebens schreibst". Mein einziger Beitrag zum Thema besteht darin, wieder auf Tillichs Schultern, auf das biblische Mauerblümchen des paulinischen Pan-en-theismus hinzuweisen, demzufolge in allerletzter Linie eines jeden Name im Buch des Lebens verzeichnet ist. Jesusfimmel und Jenseitsvertröstung also. Für existentielle Negentropie im konkreten Daseinsvollzug gibt das nicht viel her. - Der metaphysische Tinnitus ist stärker als Gottvertrauen unter Immanenzbedingungen, Kohelet ist mein Zeuge. De facto bin ich lebenspraktisch keinen Deut besser dran als ein Atheist, eher noch schlechter, weil meinem verschwiegenen Gebetsleben ein Hauch von Zwangs- neurose anhaftet und weil mir ohnmächtig das Herz blutet, wenn blasphemische Zoten zum Besten gegeben werden. Und doch preise ich die Gottesgabe Säkularismus, die meiner Abkehr vom Dogma der Ewigkeit der Hölle den Ketzerbann erspart und meine Mißachtung der kirchlichen Sonntagspflicht zumindest im urbanen Kontext nicht mit sozialen Sanktionen ahndet. Tillich wurde noch zum Gottesdienst- besuch genötigt, ich bin schon frei, mir meinen bescheidenen Bedarf selbst zu schreiben. Mal ehrlich: ein bißchen nagt das Entropiegesetz auch am Glauben der Frömmsten. Ich bewahre mit dem metaphysischen Tinnitus im Ohr wenigstens Haltung. Ultra posse nemo obligetur. Wohl kommen wir aus dem Nichts. Aber wir kehren nicht zum Nichts zurück, wie der Existentialismus meint. Unsere Destination ist die Ewigkeit.