Thema: Das letzte Wort

Dienstag, 20.7.2004. Nach geglücktem schriftlichen Tun mit Vortagsanteil rief gestern einen Tag vor ihrer Griechenlandabreise warmblütig meine Frau an, um das nefaste efferente Ehetelefonat vom Vortag nachzubessern. Dabei stellte sich heraus, daß der von ihr gespendete Brotkanten richtig "ein Viertellaib Bauernbrot dunkel von der Hofpfisterei" heißen muß, also üppige Edelware aus ökologischem Anbau ist. Ein der Spende beigefügtes Gesundheitsmagazin betraf die Modalitäten der von mir angestrebten Sterbegeldversicherung. Wenn daraus was wird, dann würde ich mich bei den wöchentlichen Wertschöpfungen in der Bank nicht mehr fürs Sterben, sondern fürs Leben krummlegen. In Frage käme etwa ein zwanzigbändiger Großer Brockhaus als Hochzeitsgeschenk für die Vermählung der Tochter unterm Horizont oder eben eine finanziell unbeschwertere Internet-Partnerschaft mit dem Filius. - Reisen dagegen können mir gestohlen bleiben. Ich schmeichle mir, daß meine leibliche Seßhaftigkeit umgekehrt proportional ist zu meiner geistigen. Die wahren Abenteuer sind im Kopf, und wenn sie nicht im Kopf sind, sind sie nirgendwo. Ich mache Ernst mit diesem Bonmot von André Heller und rühre mich nicht vom Fleck. Das galt gestern sogar für die Aushäusigkeit wegen Magenfüllung ohne den Nebenzweck des Außendienstes am Szene-Standort, weil ich noch einen Rest trocken Brot von meiner Frau vorrätig hatte. Das gestrige Hauptmerkmal war die liebende Sorge meiner einstweilen scheidenden besseren Hälfte um meiner geistleibseelischen Nahrung und Notdurft willen. - Heute vor sechzig Jahren verfehlte Graf Stauffenbergs Bombe im Führerhauptquartier ihren Zweck, weil die Vorsehung Hitler aufgespart hatte, wie er meinte. In der Tat war er aufgespart, sich zehn Monate später von eigener Hand zu richten. Andernfalls hätte er als Attentatsopfer für die Urheberschaft des Abgrunds Auschwitz heute mildernde Umstände. Deshalb mußte die nationale Ehrenrettung durch die Männer des Zwanzigsten Juli ideell bleiben und durfte nicht materiell gelingen. Hitler war für den Sturz von der größtmöglichen Fallhöhe, nämlich vom Tempeldach vorgesehen, sonst wäre das Hakenkreuz nicht das monumentalste Fragezeichen der Menschheitsgeschichte geworden, auf das nur das Kreuz noch eine Antwort zu geben vermag. - Mit dem Mißlingen des Attentats führt Hitlers Karma selbst den Buddhismus ad absurdum. Ex negativo ist die dadurch ausgelöste eschatologische Ratlosigkeit ein Stück Heilsgeschichte, das zeigt, daß der Faktor Gnade im letzten Gericht unabdingbar und daß das Karmagesetz von Ursache und Wirkung zumindest den eschatologischen zeitgeschichtlichen Erfordernissen nicht gewachsen ist. Hegels Geschichtsmetaphysik ist zwar im Licht des Kritischen Rationalismus ein Irrtum, aber eine Spur von lenkendem Schaffen Gottes läßt sich im Scheitern der Stauffenberg-Bombe doch erkennen, da hatte Hitler ganz recht. Bloß war er eben nicht mit der Vorsehung im Bunde, sondern ihrem letzlich unerforschlichen Ratschluß unterworfen wie wir alle. - Nur wenn die Immanenz das Abbild und die Transzendenz das Urbild ist, läßt sich transzendentistische Zuversicht angesichts der Tatsache, daß es sich hienieden nicht reimt, rechtfertigen. Mein Jesusfimmel samt Jenseitsvertröstung setzt konsequenterweise darauf, daß wir im Tod aus Platos Höhle befreit werden und daß die transzendente Wirklichkeit der immanenten Realität kategorial überlegen ist. Hier ist das Schattenreich, dort die Substanz. Für den Fall Hitler bedeutet das, daß selbst ultimativer Frevel eine purgatorische Chance bekommen muß, wenn das offenbarte letzte Ziel der Vorsehung, Fülle des Seins in bleibender Gemeinschaft mit Gott, universell und nicht nur partikulär gelten soll. Da, Paulus zufolge, Gott am Ende sein wird alles in allem und für alle, hat Christsein auch am Abgrund Auschwitz noch das letzte Wort.