Thema: Frömmigkeit

Freitag, 16.7.2004. Durch gültiges schriftliches Tun mit Vortagsanteil, in dem ich meiner verstorbenen Mutter alles Gute zum Geburtstag wünsche, kam mir gestern die Internetfähigkeit des Vortagestextes nach Katzenjammer doch wieder uneingeschränkt gerechtfertigt vor, denn mein seinstruktureller abendländischer Chauvinismus gibt Antwort auf alle Schicksalsfragen und gehört darum zu Recht an die virtuelle große Glocke. Der Filius hatte am Vorabend Bedenken erhoben gegen die offenherzige Einleitung des eurozentrischen Bekenntnisses, derzufolge ich an einem Sachbuch über Religiosität unter Schizophreniebedingungen in Tagebuchform arbeite, meinte dann aber zögernd, man könne es stehen lassen. Die Einleitung läßt ja offen, ob ich nicht mein Sachbuch als externer teilnehmender Beobachter im unsichtbaren Ghetto Schizophrenie schreibe, wie es ja auch tatsächlich geschieht. Ein langes warmblütiges Ehetelefonat skandierte alsbald den ausgedehnten Frühschoppen, den ich nach Textschluß in Angriff genommen hatte. Meine fromme Agnostikerin wollte anderntags nachträglich am Grab meiner Mutter ein Geburtstagslicht'Iein entzünden. Sie ist dankbar dafür, auf unserem Staubkorn im All für einen kurzen Moment, und hoffentlich noch ein bißchen länger, verweilen zu dürfen und wünscht mir für meinen Jesusfimmel samt Jenseitsvertröstung alles erdenkliche Glück. - Nietzsche hatte von den Christen gemeint "erlöster müßten sie aussehen". Aber das ist ein Mißverständnis. Das seinsstrukturelle christliche Problembewußtsein weiß um die Doppelpunkt-, nicht Schlußpunktnatur des biologischen Endes, und sein "quisquid agis respice finem" geht übers Grab hinaus. Das macht eschatologisch sorgenvoll und hindert kreatürliches Behagen. Das gestrige Hauptmerkmal war die agnostische Frömmigkeit meiner besseren Hälfte im ethischen Stadium ihres Individuationsprozesses. - Ich bin nicht ethisch fromm wie meine Frau, und ob es zu religiöser Frömmigkeit reicht, ist sehr die Frage. Im Erwachen jedenfalls bin ich definitiv gottverlassen. Am Vorabend war im Radio ein neunundsiebzigjähriger Benediktinerpater im Angebot gewesen, der es in Japan zum Zen-Meister gebracht hat, mit christlich verschnittener fernöstlicher Mystik eine wachsende Hörergemeinde um sich sammelt und von der römischen Glaubenskongregation ein Rede-, Auftritts- und Publikationsverbot aufgebrummt bekam, das er aus Gewissensgründen mißachtet. Der Casus ragte mir heute noch im Erwachens- elend ins Gemüt, denn ich hatte mich ja im jüngsten Internet-Text diesbezüglich eurozentrisch festgelegt. - Die fernöstliche Verlockung, ichlos die personale Schöpfergottheit als das apersonale kosmische All-Eine und Jesus Christus als einen Künder unter mehreren zu verstehen, war mir in meinem Zombie-Stadium zu Tagesbeginn in die Glieder gefahren. Der einschlägige Spruch der engeren Heimat "lacha daad i ja, wenn mir an foisch'n Glau'm hätt'n" kam mir in den Sinn. Die Besinnung auf die staunenswerte praktische Bilanz des ethisch frommen Zen-- Buddhismus tat ein übriges. Sollten wir tatsächlich, für einen kurzen Moment auf unserem Staubkorn im All verweilend, der Vaterkindschaft einer allgütigen, allsehenden und allmächtigen personalen Schöpfergottheit teilhaftig sein und unser bißchen Selbst so wichtig nehmen dürfen, daß es für eine Anwartschaft auf transzendentes ewiges Leben reicht? Das war mir heute die Erwachensfrage. - Im Morgenfenster am Schreibplatz rekurrierte ich dann auf André Frossards unabweisbares, sprachmächtig sich selbst beglaubigendes, eurozentrisches Theophanie-Zeugnis "Gott existiert, ich bin ihm begegnet", das dem Lehramt der Una Sancta einen nahezu uneingeschränkten Blankoscheck ausstellt, und war wieder geistlich im Lot. Für echte religiöse Frömmigkeit reicht Frossard allerdings nicht. Er entscheidet die älteste Causa der Menschheit affirmativ auf empirischer Basis, das ist alles. Es besteht kein Grund zu Gelächter, wir sind durch den richtigen Glauben geprägt. Das durch die Gottesgabe Säkularismus bedingte spirituelle Fernweh ist unbegründet. Mehr als das gibt Frossards Büchlein jedoch nicht her, aber auch nicht weniger. Ich ziehe daraus den Schluß, daß die katholische asymptotische Annäherung an die absolute Wahrheitsachse konkurrenzlos achsennah ist, kann aber darob leider nicht religiös fromm werden. Es ist eine Angelegenheit der Großhirnrinde, nicht des Herzens, horribile dictu. Doch wer immer strebend sich bemüht, den können die holden Mächte ja erlösen.