Thema: Aufklärung

Mittwoch, 14.7.2004. Ich arbeite im Rahmen des zweiten Arbeitsmarktes an einem Sachbuch über Religiosität in Tagebuchform. Das ist die Quintessenz des gestrigen gültigen schriftlichen Tuns mit Vortagsanteil. Nach Textschluß bierte ich mich der Aushäusigkeit entgegen. Der Welt-Tag lockte mich nicht. Die übrigen sechs Selbst- Tage der Woche sind mir lieber. Sie sind die Gratifikation der späten Resultate meines ungeliebten Brotberufs. Ich kann sie mir leisten, weil ich zuvor geleistet habe. Dienstage aber erinnern daran, daß ich nicht nur, kraft Sittengesetz in mir, ein Bürger des Reichs der Freiheit, sondern auch ein Bürger des Reichs der Notwendigkeit bin. Dazu braucht es nicht erst den gestirnten Himmel, sondern es genügen die Sachzwänge Wertschöpfung auf der Bank, Tabak- und Kaffeekauf sowie, wie im gestrigen Fall, Arzttermin beim Seelenheilkundigen. Das ist Notwendigkeit genug um meine Wichtigkeit zu vernichten, der Kosmos kommt nur noch erschwerend hinzu. Da mich mein griechischer Logiergast die letzten drei Tage aus seinem Lebensmitteldepot durchgefüttert hatte, war auch das flüchtige Tochter- mahl am Wegrand Sachzwang, während der ins Auge gefaßte Besuch des Szene-Standorts nach dem Arzttermin freiwillige Leistung blieb. Das Reich der Freiheit hat allerdings auch seine Tücken, weil in ihm die Konfrontation mit dem horror vacui unausweichlich ist. Der homo sapiens ist von der Evolution zum Überleben, nicht zur Muße gemacht. Daher die Billionenumsätze der globalen Zerstreuungsindustrie. Mein Anteil daran sind nur die Rundfunkgebühren. Insofern habe ich mit dem Schrecken der Leere mehr Probleme als begabtere Konsumenten des fabrizierten Scheins. Ich helfe mir mit Bier samt Nikotinbegleitung weiter. Das gestrige Haupt- merkmal war meine autochthone Indigenität auch im Reich der Notwendigkeit. - Heute ist mit dem französischen Nationalfeiertag die kalendarische Adresse der Grundwerte der bürgerlichen Revolution der Aufklärung gegeben. Mit Freiheit allein ist kein Staat zu machen, aber wenn Gleichheit und Geschwisterlichkeit hinzutreten, und die Gesetzgebung prägen, besteht Aussicht auf dauerhaften Wandel über die nationalen Grenzen hinaus. Letztlich hat das ganze Abendland von den segens- reichen Spätfolgen des Sturms auf die Bastille profitiert. Erst seit Christsein durch den Magen der Aufklärung gegangen ist und erst seit die Gottesgabe Säkularismus der autonomen Vernunft gleichberechtigt konkurrierend neben den seinsstrukturellen Alleinvertretungsanspruch der heteronomen Vernunft gestellt ist, läßt sich Gottesbezug wirklich wahrheitsförmig denken. - Das Gegenbeispiel des Islam zeigt, daß voraufklärerischer Gottesbezug hinsichtlich der asymptotischen Annäherung an die absolute Wahrheitsachse hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt und ganz offensichtlich eine achsenfernere Asymptote ist als aufgeklärte geistliche Besonnenheit im Christentum. Der älteste abrahamitische Monotheismus, der jüdische, wie er gestern mit Werken des Literaturnobelpreisträgers Isaac B. Singer im Radio vor das innere Auge gestellt wurde, scheint an seinem immanentistischen Konkretismus zu kranken, der tatsächlich Züge der vom abtrünnigen Siegmund Freud konstatierten kollektiven Zwangsneurose trägt. Nur der biblisch verankerte trinitarische Monotheismus hat den Stoffwechsel im Magen der Aufklärung ohne Substanzverlust überstanden und ist heute durch die Assimilation des säkularen Erkenntnisfortschritts achsennäher denn je zuvor. - Die in der Bibel implizit codierte Selbstoffenbarung der Schöpfergottheit gegenüber den Menschen verweist Hinduismus und Buddhismus auf die Plätze. Aufgeklärte geistliche Besonnenheit im Christentum hat keinen Grund für seinsstrukturellen Kompromiß mit den Weltreligionen des Ostens. Die Erweiterung des Wortschatzes der Sagbarkeit dessen, was letztlich zählt, läßt sich im Herzen des Abendlandes ohne spirituelles Fernweh bewerkstelligen. Von hier aus geht es in alle Himmelsrichtungen heuristisch bergab, nicht zuletzt wegen der reinigenden Spätfolgen des Sturms auf die Bastille, dessen Frankreich am heutigen Tag festlich gedenkt. Meine Frankophilie tut ein übriges, um mich brüderlich mitfeiern zu lassen. Vive de Gaulle, vive Adenauer, vive Charlemagnel