Thema: Selbst und Welt

Dienstag, 6.7.2004. Nach gültigem schriftlichen Tun mit Vortagsanteil und nach einem kurzen, aber sehr warmblütigen Ehetelefonat lag gestern der restliche Tag bis Sachzwang Schreibmaschine ohne Aushäusigkeit vor mir, weil ich mit Rücksicht auf die Bierlieferung durch meine Frau am nächsten Vormittag den Beutel schonen wollte und sowieso ein halber Hungerkünstler bin. Bruder Efeu war stolzgeschwellt zur Nervenärztin aufgebrochen, nachdem am Vorabend die Griechen unter einem Trainer seines Gastlandes Fußball-Europameister geworden waren. Auch meine Frau und mein Sohn hatten im Endspiel gegen die Portugiesen die Daumen gehalten, weil unser Vaterland durch den Trainer am Erfolg der krassen Außenseiter beteiligt ist und weil damit dieser auch ihnen während des sommerlichen Griechenlandaufenthalts zugutekommt. - Mich dagegen läßt die wichtigste Nebensache der Welt völlig kalt. Ich hatte schon vor fünfzig Jahren am Radio das "Wunder von Bern" nicht mitgekriegt, während mein späterer posthumer Schwiegervater beim dritten "Tooor, Tooor, Tooor, Tooor" des Reporters Herbert Zimmermann gebannt die erhobene Teekanne auf die Tischdecke ausleerte und seinen Töchtern mit dem Aufwischen Probleme machte. Jetzt ist der Spuk also erst mal wieder vorbei. Fünf Jahre nach dem Wunder von Bern hat es zwischen mir und der mittleren Tochter des inzwischen verstorbenen Teekannen-Patrioten bei meiner Abiturparty gefunkt. Eine Spätwirkung davon ist der gestrige Tagestext, den ich meiner Frau heute zu lesen geben will und auf dessen maschinenschriftliche Objektivation am Abend ich gestern Libido sparte. Bis dahin bierte ich mich schlecht und recht mit Nikotinbegleitung durch die Leerstunden, nicht ohne ein Verlegenheitsnickerchen und Radioschall, danach trank ich die Abendmaß und ging endgültig zu Bett. Das gestrige Hauptmerkmal war meine Fähigkeit, einen Tag lang aus Eigenem dem horror vacui die Stirn zu bieten. - Die mir nach defizitärem Erwachen bevorstehende infrastrukturelle Betriebsamkeit meiner dienstaglichen vita activa läßt keinen Lichtblick erwarten, zumal es heute in Strömen regnet. Nur der eheliche Biernachschub im Anschluß an das Morgenfenster könnte dem lag Profil geben, weil der bereitgehaltene gestrige Tagestext meine Frau unmittelbar angeht. Bei Licht besehen ist mir die gestrige Langeweile, die Zwillingsschwester der heutigen Sorge um des Leibes und Lebens Nahrung und Notdurft, doch lieber, und meine vita passiva der übrigen Wochentage kommt meiner Produktion mehr zustatten als der stoffreiche Dienstag. Abends werde ich für eine Woche mein Portemonnaie munitioniert und Bier, Tabak sowie Kaffee gebunkert haben, das ist alles, wenn nicht schriftliches Tun den Tag trotzdem zu einer unverwechselbaren Kostbarkeit auf der Zeitachse macht. - Bei einer Tour im Estergebirge fand ich vor vielen Jahren ein Taferl mit der Aufschrift "fürchte Gott und nütz’ die Zeit" , die mich schaudern ließ, weil mein Leben bislang vergangen war wie ein Geschwätz. Heute breche ich das trockene tägliche Brot des lebbaren Status Quo immerhin mit Andacht, und die Schnecke meines seinsstrukturellen Fortschritts bewegt sich in die richtige Richtung. Ich merke das an meinem Van-Gogh-Wandkalender, wo der Titel eines jeden neuen Tagestextes, versehen mit dem Sternchen der Öffentlichkeitsfähigkeit, gebucht wird und von meiner gottesfürchtigen Zeit-Forschung Zeugnis ablegt. Ja, mein schriftliches Tun ist Forschung, am von mir gewählten Pol Selbst der ontologischen Grundstruktur Selbst und Welt. Meine Woche umfaßt sechs Selbst-Tage und nur einen Welt-Tag, nämlich den Dienstag. - Ich horche die mir widerfahrende Zeit auf Herztöne der Ewigkeit ab, wie sie sich ausdrücken in der Erweiterung des Wortschatzes der Sagbarkeit dessen, was letztlich zählt, mit Sitz im Leben. Da muß ich aufpassen wie ein Schießhund, daß der Welt-Tag nicht vergeht wie ein Geschwätz. Meiner Produktion in Tagebuchform ist nichts abträglicher als die chronistische Faktizität des "und dann und dann und dann", die bei Stoffreichtum eines Tages naheliegt. Der Boden der bleiern-stumpfsinnigen Tatsachen an den sechs Selbst- Tagen ist ertragreicher als der relative Faktenreichtum meiner eintägigen vita activa. Nichts wird schneller zu Makulatur als Faktenhuberei. Über den Doppelpunkt des biographischen Endes hinaus kann man den vollen Terminkalender nicht mitnehmen, wohl aber Liebe und Wissen um das, was letztlich zählt. Daher meine gottesfürchtige Option für den Pol Selbst der ontologischen Grundstruktur Selbst und Welt.