Thema: Soll und Haben

Mittwoch, 23.6.2004. Nach gültigem schriftlichen Tun mit Vortragsanteil wartete ich gestern bei einem ausgedehnten Frühschoppen ohne Enthusiasmus dem Aufbruch für die Dienstagserledigungen entgegen. Zwingend waren nur die Wertschöpfung bei der Bank und der Tabak- sowie der Kaffeekauf. Für meine Sachbuchthematik gibt der Außendienst in der Knacks-Klause kaum etwas her. Die Standardpopulation ist durch teilnehmende Beobachtung, weitgehend ohne Resultat, ausgeforscht und zielführende Ehemalige oder Neue sind selten. Ich habe in den üblichen zwei Stunden meines Verweilens alle Mühe, mich emotional über Wasser zu halten. Die Knacks-Klause scheint der mir zugemessene Anteil am Ernst des Lebens zu sein, der ja darin besteht, dem ungeschwisterlichen Nicht-Ich die Stirn zu bieten. - Meine schlechte Menschenkenntnis tut ein übriges. Vor lauter schwebendem Urteil komme ich nicht zur Kommunikation. Neidvoll beobachte ich die daseinskompetenteren Dumpfbacken beim Austausch von Banalitäten, beim Kartenspielen und beim Zeitunglesen als ginge es um Leben und Tod. Im Berufsleben wurde mir einmal Weltfremdheit attestiert. Wie wahr! Zwar habe ich dennoch unter ferner liefen das Klassenziel erreicht, aber zum Mitspielen langt es noch immer nicht. In der Knacks-Klause kann man allein sein, wenn man dazu Gesellschaft braucht, das ist alles. So zog ich also gestern los, absolvierte die infrastrukturelle Betriebsamkeit, saß den Außendienst auf einer Backe ab und bierte mich, wieder daheim, mit Radioschall und Sachzwang Schreibmaschine bis zur Nachtruhe um Zapfen- streich. Das gestrige Hauptmerkmal war meine heiterstille Verzweiflung in der Konfrontation mit dem Ernst des Lebens. Verzweifelt die Stirn zu bieten hatte ich gestern am Szene-Standort dem nicht endenwollenden Sermon des zukurzgekommenen Theodizee-Psychotikers und abends im Radio den breitmäuligen Verlautbarungen zweier atheistischer Literaten. Heitere Meeresstille des Gemüts aber hatte ein Anruf beim Sohn ergeben, der inzwischen den Kafka-Text "Der Trost" ins Internet gestellt hatte und ungefragt meinte, der hätte ihm "ganz gut gefallen". Der Nachhall des Anrufs überwiegt heute den der Konfrontation mit dem ungeschwis- terlichen Nicht-Ich, so daß sich der Dienstag trotz allem auf der Haben-Seite buchen läßt. Überhaupt orientiert sich mein Soll und Haben an der gesellschaftlichen Akzeptanz des trinitarischen Monotheismus der Bibel im Zeitablauf. Den Ernst des Lebens sehe ich vor allem im nicht mehr hinterfragten Überwiegen des Säkularismus, dessen Eschatologie auf eine gentechnische Verwandlung des homo sapiens in einen homo superior hinausläuft, dem Schmerz, Leid und Tod erspart bleiben. - Mitte des Jahrhunderts soll es so weit sein. Da bekanntlich der Teufel im Detail steckt, wird auch diese immanentistische Eschatologie wie die der Zeugen Jehovas in Katzenjammer enden. Aber daß sie überhaupt ernsthaft ins Auge gefaßt wird, zeigt, wie infantil die Bewußtseinslage des Abendlandes gegenwärtig ist. Auch die Abkehr vom Gottesbezug in der mittlerweile fertigen europäischen Verfassung macht die Wurzellosigkeit des heuristisch privilegiertesten aller Kulturkreise deutlich. Der säkularistische Mainstream erfaßt alle Bereiche und umspült auch meine kleine Familie, so daß das seinsstrukturell schwebende Urteil des Sohnes als neutrale Schweiz im ehelichen kalten Krieg divergierenden Seinsverständnisses nicht hoch genug zu veranschlagen ist und auch den gestrigen Tag auf die Haben-Seite meiner Bilanz rettet. - Ich bin durchaus wissenschaftsgläubig, aber nicht um den Preis der kognitiven Infantilität. Der fällige Paradigmenwechsel ist nicht der vom trinitarischen Monotheismus zum matriarchalen Pantheismus und auch nicht der vom homo sapiens zum homo superior, sondern der vom herrschenden Paradigma der Nobelpreiskultur von Bewußtsein aus Materie hin zum Gehirn-Geist-Dualismus von Popper und Eccles. Wenn diesen erst die Spatzen von den Dächern pfeifen, braucht mich meine Frau auch nicht mehr zu fragen, was denn das sei, Kafkas Unzerstörbares in uns, sondern kann es sich selber denken. Dafür braucht es aller- dings erst die Spatzen. Mir glaubt sie es nicht, denn der Prophet gilt nichts in seinem Vaterlande. Der Paradigmenwechsel würde Hekatomben von Weis- heitslehrern der Menschheit zu Deppen machen, aber gut Ding will Weile haben, denn Erkenntnisfortschritt ist nicht zuletzt eine Funktion der bewilligten Forschungsgelder. Den Katzenjammer des homo superior werde jedenfalls ich nicht mehr erleben, sondern höchstens auf Wolke Sieben an Kafkas Seite homerisch belachen können.