Thema: Osterdialektik

Donnerstag, 26.4.2001. Im Einklang mit einem zart schwebenden Gedicht von Marie Luise Kaschnitz glaube ich, daß sich Gottes österliches Handeln durch Christus in uns allen nicht auf die biographisch finale Passage zwischen Immanenz und Transzendenz beschränkt, sondern daß wir man- chmal mitten im Leben zur Auferstehung aufstehen. Das scheint allerdings die Grabesunruhe der Depression vorauzusetzen, so daß die Erfahrung nur den Seelenfinsterlingen zugänglich ist, während die anderen mal schlecht, mal gut drauf sind. Fachärztlich gelten die Depressiven in der Remissionsphase als reifer und warmblütiger als die Unbetroffenen. Da ich Ungemach für aleatorisch bedingt und nur Segen für providentiell halte, ist auch das persönliche kleine Osterfest des Auftauchens aus tiefem Gram, neben der Erfindung des Universums und der Spende der Einigartigkeit des Selbst, eine gegen den Atheismus, ja sogar Deismus gerichtete Empirie, die durch das Buchwissen der Türspaltmetaphysik von Nahtoderfahrungen noch ergänzt wird. Glück ist nur das Ausbleiben von aleatorsich bedingtem Ungemach, Segen aber lenkendes Schaffen Gottes. Karl Valentin traf beim Hämmern den Daumen und konstatierte anschließend, es sei so schön, wenn der Schmerz nachläßt. Der Glückspilz ist um diese Erfahrung gebracht, nur der Pechvogel hat die Chance, etwas von letzter Osterfreude zu ahnen. Das mag es sein, was den Fachärzten die Depression auch als menschlich zielführend erscheinen läßt. - Während ich mich heute beim Griffeldienst in eine Eheverzweiflung hineinbuchsabiere, wegen des schweigenden Telefons, liegt im Postkasten eine Heiratsanzeige der Tochter meines Cousins von oben auf der Landkarte. Kalt lege ich sie beiseite und denke nur nervös darüber nach, welche Griffe ich nun kloppen müßte, um angemessen zu reagieren. Nach Textschluß fülle ich mir den Magen, höre Radio und bette mich zu einer schlaflosen Siesta. An- schließend lasse ich auf der besonnten Terrasse den Familiengram an mir nagen. Schwärzer könnte meine Galle nicht aufs Gemütsweheh träufeln. Meine ganze Biographie scheint mir Makulatur.- Auf einmal, ich weiß nicht wie, fällt mir ein, daß die Heiratsanzeige ja ein ehrbarer Anlaß ist, das telefonische Schweigen zu brechen. Und nun ereignet sich, wie oben angedeutet eine kleine Österlichkeit. Ich greife zum Hörer, wähle die Nummer meiner Frau und der viertägige Bann ist gebrochen. Alles ist wie verwandelt und Karl Valentin hat das letzte Wort. Ich lasse mir noch ein bißchen in kreatürlichem Behagen die Sonne auf den Pelz scheinen und breche dann auf zur Dombuchhandlung wegen einer sakramentalen Kunstpostkarte als Reaktion auf die Heiratsanzeige. Es werden nach langem Suchen zwei Engel von Filippo Lippi aus der Vision des heiligen Bernhard, auch für die agnostischen Adressaten nicht anstößig. Ich beschrifte die Karte auf der Rückseite mit erprobten Glück- und Segens- wünschen aus der Grauzone zwischen geistlicher Besonnenheit und Kosmopolitismus. Wieder daheim adressiere und frankiere ich die wohl- temperierte Kunde und entledige mich ihrer am Briefkasten wie einst im beruflichen Mai “zu meiner Entlastung”.- Ohne den kleinen Stups von drüben wären die Engel heut’ ausgeblieben. Insofern war es der Gott- seidank-Tag.