Thema: Der Trost

Montag, 21.6.2004. Nach gelungenem schriftlichen Tun mit Vortagsanteil trank ich gestern pünktlich zum Ende des Morgenfensters den ersten Schluck Bier. Vor mir lag ein verregneter Sonntag mit der einzigen Frage, ob meine Frau in seinem Verlauf das eheliche Telefonfasten brechen würde, da durch meine zwei neuen Internet-Texte dafür eigentlich ein Anlaß gegeben war. Ein einstündiges Verlegenheitsnickerchen wie gestern nach dem ausgedehnten Frühschoppen mit der vorauseilenden Manifestation überschüssigen Bewußtseins, bringt schon die halbe, sonst durch Aushäusigkeit gedeckte Bierersparnis bis zum Beginn des Radioschalls. Die dann noch ungedeckte Maß läßt sich notfalls im Rahmen meines erweiterten Konsumlimits verkraften. Dessen Ausmaß darf ich gar nicht preisgeben, es handelt sich aber bei meiner Trinkfestigkeit noch immer um kontrolliertes Trinken gegen den horror vacui zur Zeitstrukturierung. - Bald war meine textbedingte Hochstimmung verflogen und ich bierte mich schlecht und recht durch den restlichen Tag über Schlafpause, Radioschall und Sachzwang Schreibmaschine bis zur Nachtruhe, indes das Telefon beharrlich geschwiegen hatte. Das gestrige Hauptmerkmal war die Einsicht, daß Kafka sagt, wie es ist. Meine Hungerkunst ist ein Honiglecken gegenüber dem Erwachenselend, wo ich anderthalb Stunden bis zum Aufstehzeitpunkt im Bewußtseinsdämmer wehrlos der Schlangengrube meines Inneren ausgeliefert bin. Heute kam Zahnweh hinzu und die Notwendigkeit, mittags für eigenhändigen Biernachschub auszurücken, weil gestern das Telefon geschwiegen hatte. Die innere Schlangengrube mag auch Kafka gekannt haben und die Notwendigkeit, sie schreibend unter Kontrolle zu halten, sonst wäre sein Werk nicht bei aller Düsternis für mich so tröstlich. - Gestern war im Radio matriarchaler Pantheismus im Angebot. Auf seine Vordenkerin schwört meine Ex-Freundin, deshalb schaltete ich nicht ab. Sowas ähnliches scheint auch im Hinterkopf meiner besseren Hälfte stattzufinden, die als Borsteikind schwer Nein sagen kann, außer wenn es um die Bibel geht. Ich aber bin im real existierenden Matriarchat aufgewachsen und hatte eine Große Mutter vor Augen, deshalb bin ich gegen den Sog alternativen religiösen Denkens gefeit. Ich pflege mich im Aufstehen an der Bettkante im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes zu bekreuzigen. Heute früh war das also eine explizite patriarchale Manifestation gegen die liebe Göttin Gaia, von der am Vor- abend die Ätherwellen gekündet hatten. In Sachen feministischer Theologie reicht mir das katholische Mariengeheimnis bei weitem. Bezeichnen- derweise tappen auch ausschließlich protestantische Apostatinnen in die Gaia-Falle. - Ich betrachte die Bibel als die Urkunde der impliziten Selbstoffenbarung der Schöpfergottheit gegen- über den Menschen und hege darum an derer beider Vaterkindschaft keinen Zwei- fel. Die Idiosynkrasie meiner Frau gegenüber dem Buch der Bücher dürfte zu einem Gutteil feministische Wurzeln haben. Wer einen problematischen leiblichen Vater vor Augen hatte wie Franz Kafka, wird die Vaterkindschaft der Schöpfergottheit den Menschen gegenüber nur schwer verinnerlichen können. Mein Vater aber glänzte seit meinem vierten Lebensjahr wegen Soldatentod durch Abwesenheit und wird im mütterlichen Tagebuch als zutiefst heile Natur und eheliche Lichtgestalt überliefert, weshalb ich auch mit dem "lieben Gott" keine biographischen Probleme habe, eher natürlich mit seiner väterlichen Abwesenheit. Die Eschatologie des gestern angebotenen matriarchalen Pantheismus scheint auf Wiedergeburt hinauszulaufen. Die habe ich mir schon in der Auseinandersetzung mit dem Buddhismus an den Hacken abgelaufen, den bereits das Karma Hitlers ad absurdum führt, von der exponentiellen Zunahme des Menschengeschlechts ganz zu schweigen. Nein, den trinitarischen Monotheismus der Bibel, von Frossard empirisch beglaubigt, lasse ich mir von niemandem mehr ausreden. Mag die Existenz so kafkaesk sein wie sie will, in allerletzter Linie begründet er Hoffnung, denn "ohne den Glauben an etwas Unzerstörbares in sich könnte der Mensch nicht leben." Kafka sagt, wie es ist. Das ist ein Trost