Thema: Wort

Freitag, 18.6.2004. Nach gelungenem schriftlichen Tun ohne Vortagsanteil, gegen Ende unterbrochen durch ein efferentes Ehetelefonat, mißglückte gestern abermals eine vorauseilende Manifestation überschüssigen Bewußtseins bei einem ausgedehnten Frühschoppen. Mein Telefonanruf bei meiner Frau machte mir klar, daß ich gut daran tue, aus eigener Kraft zu existieren, weil das volle Menschenleben meiner besseren Hälfte keine freien Affinitäten in meinen einsamen Daseinsvollzug ausstreckt und gänzlich ohne mich gesättigt ist. In diesem Sinne saß ich gestern am Szene-Standort stoisch meine Zeit ab, fixierte, wieder daheim, die gültige Sachlage, hörte Radioschall, tippte den Tagestext, trank die Abendmaß und ging zu Bett. Das gestrige Hauptmerkmal war mein Stoizismus in Konfrontation mit dem horror vacui. Jauchzend über die Klinge zu springen wie die Väter einst im Mai, läßt keine Leere aufkommen. Die Zeit ist immer gefüllt, es fragt sich nur, mit was. Doch der Friede ist der Ernstfall, sagte Gustav Heinemann. Wie recht er doch hatte! - Bei meiner extrauterin defizitär eingefädelten Hirnstruktur ist das uranfängliche Vakuum immer in Reichweite. Die Versuchung, es mit polemos zu füllen, liegt auf der Hand. Als Nazi-Homunculus habe ich mit dem Ernstfall Frieden mehr Probleme als die, welche in der Wiege gelernt haben, daß es sich lohnt, auf der Welt zu sein. Genau das war auch der Zweck meiner herrenrassischen Aufzucht unterm Hakenkreuz nach dem Lehrbuch der Johanna Haarer. Zwar habe ich natürlich von Poppers Kritischem Rationalismus gelernt, durch Falsifikation die Theorien sterben lassen zu wollen und nicht ihre Verfechter und Anhänger, aber im Bereich geistiger Auseinandersetzung ist mein Inneres zutiefst unfriedlich. Deshalb fühle ich mich nur leben, wenn es kognitiv vorangeht. - Das steht der abendländischen Kardinaltugend der Gerechtigkeit im Wege, die den Anderen gelten läßt und ihm das gibt, was ihm zusteht. Bei mir liegt da die Betonung auf "zusteht". Was dem Anderen von mir zusteht, weiß ich nicht, auf den ersten Blick ist es meistens nicht viel und wegen meiner schlechten Menschenkenntnis dauert der erste Blick oft Jahrzehnte. Ich habe fünfundvierzig Jahre gebraucht, um meine Frau kennenzulernen und bin mit dem schwebenden Urteil noch immer nicht am Ende. Meine Technik des schwebenden Urteils ist ein Notbehelf angesichts meiner Klapperstorch-Neurose. Da meine Augen mir sowieso immer nur Misere melden, bin ich auf die Worte Berufener angewiesen, um ihnen mehr zu trauen als meinen Augen. - Berufene aber sind rar. Einer von ihnen ist unzweifelhaft Frossard, dessen sich selbst beglaubigendes Theophanie-Zeugnis bei meiner schmalen Begabung zum Wort einen Nerv getroffen hat. Übrigens ist mein Weg der Wahrheitsfindung gar nicht so defizitär wie vermeint, da Kant gezeigt hat, daß die Welt für uns grundsätzlich nur zwischen den Schläfenknochen stattfindet und daß die Sinne nur fürs Überleben, aber nicht fürs Erkennen melden. Kants vernunftpolizeilicher Riegel, dem Denken vorgeschoben, um Platz für den Glauben zu schaffen, ist den allermeisten heute noch ein Ärgernis und eine Torheit. Ihnen gegenüber lasse ich es gerne einmal an der abendländischen Kardinaltugend der Gerechtigkeit fehlen. - Zwar besteht in gewissem Sinn die Menschheit aus gut sechs Milliarden Philosophen, denn Wahrheitsstreben ist von Mutterleibe an unvermeidlich, aber es gibt eben doch Unterschiede und Kant hat es mit der asymptotischen Annäherung an die absolute Wahrheitsachse wohl mit am weitesten gebracht. Daraus folgt, daß bei dieser Annäherung der Glaube unabdingbar ist. Deshalb sind auch die sporadischen Manifestationen meiner aufgeklärten geistlichen Besonnenheit weniger irrelevant als mich meine Mitwelt glauben machen will. Frossards missing link zwischen "säkular" und "sakral" ermöglicht mir eine Dolmetscherfunktion zwischen autonomer und heteronomer Vernunft. Ich bin bis auf die Abkehr vom Dogma der Ewigkeit der Hölle kein Häretiker, bei mir kommt das Lehramt der Una Sancta nur in anonymer Intellektuellenprosa daher. Mehr habe ich nicht zu bieten, aber auch nicht weniger. Autorisiert bin ich dafür nur durch meine schmale Begabung zum Wort. Das Wort "Wort" steht bei Bultmann für das Mysterium Christi. Keine schlechte Konnotation also.