Thema: Heraldik

Mittwoch, 16.6.2004. Nach geglücktem schriftlichen Tun mit ausgedehntem Vortagsanteil lagen gestern vor mir die um den Sachzwang Schmutzwäsche erweiterten Dienstagserledigungen. Am Vortag hatte meine Frau nach ihrem Bierlieferungsbesuch nocheinmal telefonisch auf ein in der Aktenmappe unbemerkt gebliebenes Städtewappen hingewiesen, das der Sohn auf dem Flohmarkt gefunden hatte und das die mit unserem Familiennamen namensgleiche Stadt oben auf der Landkarte bezeichnet. Ich hatte es dann gleich im Windfang aufgehängt. Das Wappen enthält unter anderem eine Teufelskralle und ich empfand dies gestern als Entlastung gegenüber der vermaledeiten Paradiessymbolik unseres Familiensiegels, zumal sich meine Vorväter vermutlich in der Reformationszeit von dem gleichnamigen Grafengeschlecht in jener Stadt abgespalten und bürgerlich-protestantisch weitergemacht hatten. Das mutmaßliche "back to the roots" im Vorplatz von Eli Einsiedel bringt frischen Wind ins Haus. - Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, einen ehrlichen Namen zu haben. Das gestrige Hauptmerkmal war die Einsicht in die protologische, nicht eschatologische Paradiessymbolik meines Familiensiegels auf dem Hintergrund des Wappens der Herkunftsstadt meiner Vorväter. Ich glaube nicht an das Paradies, ich glaube an das ewige Leben in bleibender Gemeinschaft mit Gott. Deshalb habe ich schon die eschatologische Devise der anspruchsvollen Heraldik des Siegels "moderata durant" ersetzt durch die protologische Devise "ab ligno mors ab ligno vita", bin dabei aber beim Sohn als dem neuen Siegelbewahrer nicht auf Gegenliebe gestoßen, so daß jetzt das Wappen der Herkunftsstadt als eigentliche Heraldik unserer Wurzeln dem Vater-Sohn-Konflikt seinen Stachel nimmt. Die theologisch naive eschatologische Devise hatte mich lebenslang umgetrieben und hatte als eine generationenalte Strukturlüge nicht wenig zum Ausbruch meiner psychischen Krankheit mit ihren religiösen Wahnvorstellungen beigetragen. Deshalb war ihre Reform für mich ein existentielles Gebot, das dem Filius ohne diese leidvolle Vorerfahrung obsolet vorkam. In diesem Punkt kehrt nun Friede ein. Die Enkel mögen getrost an die verlogene tradierte Devise glauben, das Wappen der Herkunftsstadt zeigt allemal, daß ihre Wurzeln koscher sind, was zu bezweifeln ich lebenslang Anlaß hatte. Zum ersten Mal habe ich nun wie gesagt das Gefühl, einen ehrlichen Namen zu haben. - Das Paradies als wahrheitsförmiger biblischer Mythos achtern ist unbedenklich, wenn man die richtigen theologischen Schlüsse zieht. Das Paradies voraus, als durch entsprechendes Wohlverhalten noch erreichbar, aber führt zur immanentistischen Eschatologie der Zeugen Jehovas und damit zu religiösem Wahn. Das paulinisch pan-en-theistische letzte Ziel der Vorsehung ist mehr als Paradies, es ist kein "umzäunter Gärten" für die Geretteten, es ist ewiges Leben in bleibender Gemeinschaft mit Gott, und zwar in letzter Linie für alle. Mit anderen Worten, mein Familiensiegel ist radioaktiv. Durch Reform der Devise hoffte ich, es für die Nachkommen endlagern zu können. Das scheiterte beim Sohn an der Anciennität der heraldischen Strukturlüge. Die Vorväter, die mutmaßlich in der Reformationszeit eine neue bürgerlich-protestantische Familientradition begründeten, muß der Teufel geritten haben, ausgerechnet die vermaledeite Paradiessymbolik auszuwählen. Höher geht's nimmer, mögen sie gedacht haben. Und so war denn auch bis in meine Tage Dünkel das Hauptmerkmal des Familiencharakters. - Nun aber kann ich mir und anderen sagen, das da im Windfang ist die Heraldik der Herkunftsstadt meiner Vorväter und basta. Drei Türme, ein Stadttor, ein Löwe und, hört, hört: eine Teufelskralle. Auch die gleichnamigen Grafen führen diese Teufelskralle im Schilde. Das ist Symbolik von echtem mittelalterlichen Schrot und Korn, nicht die parfümierte humanistische Weichzeichnerei meiner protestantischen Dissidentenvorfahren. Meine Wurzeln sind koscher. Das ist für mich der Ertrag der unscheinbaren Flohmarktgabe des Sohnes. Die depressive reformierte Devise meines Familiensiegels wird dadurch zum vernachlässigbaren Notbehelf und mag für Traditionszwecke in die Zukunft getrost auf sich beruhen. Aus dem Casus ist die Luft raus. Genesis 3 ist auf dem Hintergrund neodarwinistisch interpretierter biblischer Protologie für den Familienalltag eben doch ein bißchen zu hochprozentig, weil dabei das Mysterium Christi in Rede steht. Deshalb kann ich dem Filius sein Widerstreben gut nachfühlen. Nun hat er den gordischen Knoten mit einem Hieb zertrennt. Ich bin nicht länger der Erbe eines Fluches, sondern darf mich unters pumperlgesunde Fußvolk mischen. Da ein Bild mehr sagt als tausend Worte, ist das kein Geringes.