Thema: Pfingstdiskurs

Sonntag, 30.5.2004. Nach gelungenem schriftlichen Tun mit Vortagsanteil feierte ich gestern bei schönem Wetter meine Absicht zu politischer Abstinenz am Szene-Standort mit einem ausgedehnten Frühschoppen. Am Vorabend schon hatte ich einen politischen Kater gehabt und den Vorsatz gefaßt, den Besuch der Knacks-Klause eine Weile ganz zu meiden, bis sich meine sterile Aufgeregtheit wieder gelegt haben würde. Aber gestern erschien mir dann doch wieder die Kombination Tochtermahl und Außendienst wegen meiner Sachbuchthematik als so zwingend, daß ich erneut Appetit bekam, zumal am Vortag Bruder Klick, Bruder Pius und die Ex-Freundin die Palette bereichert hatten. Bruder Pius hatte mir als mein gewesener Sancho Pansa die kalte Schulter gezeigt und sich der Dulcinea von Toboso zugesellt, die dann im Gespräch mit der diensthabenden Kindergartentante vermutlich Interna über mein Herkommen als Mitläuferkind auf Anfrage preisgegeben hatte, da sie als Antifa-Heroine auf dieses Thema abonniert ist. - Zusammen mit der Option für die Schwarzen, als Happy End meiner politischen Lebensbeichte im Internet, reicht dieses Merkmal aus, mich im rotgrünen Szene-Milieu bis in die Steinzeit in Verschiß geraten zu lassen. Da der einzige Ausweg aus der Hakenkreuzverflochtenheit das Kreuz ist, sind bei mir Jesusfimmel und Jenseitsvertröstung eine biographische Notwendigkeit, von der ich nicht erwarten kann, daß sie bei unbelasteter Herkunft wie im Fall der Ex-Freundin gleichfalls als solche empfunden wird. Deshalb gilt das für meine Option ausschlaggebende C im Parteinamen des wertkonservativen Lagers im Milieu für nichts, ja sogar für ein Gespött. In diesem Punkt machtpolitisch Nachdenklichkeit zu schaffen, war der Gegenstand meines vorgestrigen Tagestextes, der inzwischen durch Einsicht in meine Grenzen überholt ist. Weniger unfriedlich als am Tag zuvor betrat ich gestern nach dem Tochtermahl den Szene-Standort, saß meine Zeit teilnehmend beobachtend stoisch ab, hörte, wieder daheim, Radioschall zu Extra-Bier, tippte den Tagestext, trank die Abendmaß und ging zu Bett. Das gestrige Hauptmerkmal war meine selbstgewählte Nullität im Milieu. - Am heutigen Pfingstsonntag bin ich ganz von meinem kommunikativen Mikrokosmos und von der Familie abgeschnitten. Als nichtpraktizierender Solitärkatholik spüre ich von der Ausgießung des Heiligen Geistes keinen Hauch. Ich habe sogar wegen der boomenden Pfingstlerbewegung im Christentum der Südhalbkugel einen inneren Widerstand gegen die heutige und morgige kalendarische Adresse. So kann ich nicht erwarten, daß mir Geistes Gegenwart zuteil wird und sich etwa in meinem schriftlichen Tun niederschlägt. Meine Eselsbrücke zum Verständnis des via Frossard blind zu glaubenden Trinitätsdogmas ist eine Bogenlampe mit dem Vater als Kathode, dem Sohn als Anode und dem abstrakten Heiligen Geist als Lichtbogen dazwischen. Eine Empirie des Heiligen Geistes denke ich mir in dem Lichterlebnis der Türspaltmetaphysik der Nahtoderfahrungen, das von der Erfahrung totaler, unendlicher Liebe kündet und den Experiencer nach seiner Rückkehr für immer verwandelt sein läßt. Daran messe ich den Anspruch der Pfingstler und traditioneller Christen in den beiden großen Kirchen, von Geistes Gegenwart erfaßt zu sein. - Allermeist ist es damit nämlich Essig, was mir das Pfingstfest als die abstrakteste Begebenheit des Kirchenjahres wenig angelegen sein läßt. Die Leuchtkraft meiner Bogenlampe ist nur durch die Einheit in Dreiheit gewährleistet, weshalb eine isolierte Würdigung des Heiligen Geistes wie am heutigen Tag irreführend ist. Frossards Lichterscheinung der ersten Person der Trinität war blaustichig, die Lichterscheinung der Nahtoderfahrungen wird als warm und golden berichtet. Im Umkehrschluß habe ich deshalb für meinen persönlichen Devotionsbedarf die Farbe Rot der zweiten Person der Trinität zugeordnet, um die Grundfarben des Regenbogens, zugleich die traditionellen Marienfarben in der bildenden Kunst, als trinitarische Verständniskrücke zu gewinnen. Für die vierte Farbe, die Mischfarbe Grün, ist dabei nach dem C.G.Jung'schen "Axiom der Maria" von der Quaternio als Symbol der psychischen Ganzheit kein Platz, weshalb der gnostische Vater der Tiefenpsychologie die Mahnung ausgesprochen hat "das Böse will mitleben". Die Una Sancta betrachtet aber das Böse nicht als Entität von eigenem ontologischen Rang, sondern als "privatio boni", als Mangel an Gutem. Via Frossard habe ich auch das blind zu glauben, psychische Ganzheit hin oder her. Heute blicke ich hinaus ins satte Grün, das die Erdatmosphäre atembar macht, und sage mir, daß seine irdische Ubiquität kontingent ist und nicht zur Annahme eines ontologischen Eigenwerts des Bösen zwingt, weil sonst der Himmel des Glaubens heilige Materie mit ständiger Blinddarmentzündung wäre. Das alles sagt mir an Pfingsten zwar nicht Geistes Gegenwart, aber doch gesunder geistlicher Menschen- verstand via Frossard. Das ist oft schon die halbe Miete.