Thema: Erfolg

Sonntag, 23.5.2004. Bald nach gelungenem schriftlichen Tun ohne Vortagsanteil war gestern schon die Mittagsstunde angebrochen, mit Blick auf den Außendienst. Am Vortag war der Außendienst in der Knacks-Klause ergebnislos verlaufen, außer daß der diensthabende Kreativitätsfunktionär als respektvoller Agnostiker gesagt hatte, ein soeben an Leukämie verstorbener Stammgast habe nun zwei lange Reisen vor sich. Eine in die Metropole des Nordens mit der Beerdigung und die zweite "in Länder, von denen wir nichts wissen". Ich war angesichts der Nach- richt vom Todesfall gleichmütig geblieben, weil nicht die metaphysische Hypothek eines Suizids in Rede stand, wie schon so oft am Szene-Standort. Als Mitläuferkind optiere ich für das biblische Mauerblümchen des paulinischen Pan-en-theismus, das keine Ewigkeit der Hölle kennt, das muß eschatologisch genügen. Die universelle Erreichung des letzten Ziels der Vorsehung, Fülle des Seins in bleibender Gemeinschaft mit Gott, bleibt für mich demgegenüber an so viele Kautelen gebunden, daß es zu einer schlichten Paradiesgläubigkeit nicht reicht. Deshalb schien mir die Reaktion meines Gesprächspartners angemessen und ich quittierte sie mit dem Schweigen der Zustimmung. - Nur hinsichtlich des Endziels der langen Reise des Verstorbenen unterscheiden sich unsere Auffassungen noch. - Gestern in der Knacks-Klause dann vernahm ich am Nebentisch den kommunikativen Bruder Klick im Gespräch mit einem verheißungsvollen neuen Gesicht, einem jungen Architekten mit paranoider Depression, den ich vor kurzem für den Pastoralreferenten der Szene gehalten hatte, weil er ein Buch aus dem Fundus mit dem Titel "Christus in der bildenden Kunst" sorgfältig durchstudierte, sich Notizen machend. Der neue Gast scheint eine Bereicherung zu sein. Wieder daheim, hörte ich zu Extra-Bier Radioschall, unterbrochen durch einen Klinik-Anruf von Bruder Efeu, führte ein Ehetelefonat, tippte den Tagestext, trank die Abendmaß und ging zu Bett. Das gestrige Hauptmerkmal war die Versöhnung zwischen dem Damals und dem Heutzutage. - Mit meinem damaligen Engagement für den roten Original-Tartuffe, der Wehners C in der Politik mit Zähnen und Klauen zu verteidigen vorgab, hatte ich mich gegen die Ausläufer der 68er-Bewegung gestemmt, die mich zuvor überhaupt erst anpolitisiert hatte. So kämpfte ich beim Steigbügelhalten für den Erzheuchler tatsächlich gegen tausend Teufel, nämlich gegen eine fanatisierte und ideologisch verblendete lokale Parteibasis, der nur mit einer Bezugnahme auf den leidenden ex-kommunixstischen Weltheiland Wehner beizukommen war. So war denn auch ein einschlägiger Leserbrief nachweislich ausschlaggebend für die innerparteiliche Rehabilitation der ehemaligen Stadtspitze, während meine frankierenden Aktivitäten in deren Diensten mitleiderregend belanglos blieben. Der mittlerweile in der Großstadt ganz oben sitzende Schwarze machte seine Sache nicht zur allgemeinen Zufriedenheit und erwies sich im Nachhinein sogar als korrupt, so daß mein Engagement für den politischen status quo ante objektiv ein Dienst am Gemeinwesen war. - Allerdings hatte dann die neue alte Stadtspitze mit der Aufblähung des städtischen Personals um fünfundzwanzig Prozent zur Bedienung der personalpolitischen Spesen des Wiederaufstiegs den Keim für finanzielle Mißwirtschaft gelegt, weshalb mein Dienst am Gemeinwesen nur den Regen durch die Traufe ersetzt hatte. Erst der begabtere, heute noch amtierende Thronfolger rechtfertigt meinen ganzen damals getriebenen Aufwand. Daß ich unter seiner Ägide als unnützer Esser in Pension geschickt wurde, zeigt nur, wie sparsam er regiert und nimmt mich nicht gegen ihn ein. Schließlich war mein Beitrag zu seinem Glück ja nur ein Leserbrief achtzehn Jahre vorher in der überregionalen Tageszeitung. - Ich war politisch Rot wegen meiner Ernennung zum Beamten auf Lebenszeit in tiefschwarzer Umgebung zu Dank verpflichtet. Diesen habe ich durch meinen damaligen Ritt über den Bodensee abgestattet, nichts weiter. Der alte Behördenchef von den freien Wählern und Schwarzenfresser im ländlichen Raum mußte nämlich seinerzeit bei seinem Abgang erst von einem diskret-roten Juristen gemahnt werden, meine Verbeamtung auf Lebenszeit in der Schlammschlacht seiner letzten Kreistagssitzung durchzudrücken, nachdem ich ihm über Jahre treu als roter Wadlbeißer gedient hatte. So ist dieser Jurist der eigentliche Vater des Erfolges seiner Partei an der Spitze der nahen Großstadt und ich war nur Instrument. Ohne Politik wäre ich jetzt weit draußen im Norden der engeren Heimat als Kreisbaumeister noch ein Jahr in Amt und Würden und wäre ein Provinzonkel. So ist es mir lieber. Ich wohne im mittlerweile hypothekenfreien Eigenheim im city- nahen Grünen, fünf Minuten von der Trambahnumkehrschleife. Das ist doch auch Erfolg.