• Thema: Nostalgie
  • Samstag, 22.5.2004. Nach gültigem schriftlichen Tun mit Vortagsanteil mißlang mir gestern wieder einmal eine vorauseilende Manifestation überschüssigen Bewußtseins, des Inhalts, daß ich mich mangels fachlicher Qualitäten im Berufsleben mit Politik durchgemogelt habe. Das ist zwar die Wahrheit, aber nur die halbe Wahrheit, denn ich war politisch ein Ergriffener, kein Opportunist. Deshalb fiel der Schreibversuch heute im Erwachen der Zensur zum Opfer. Per saldo verdanke ich politisch Rot die Ernennung zum Beamten auf Lebenszeit in tiefschwarzer Umgebung und damit den vollen rechtsstaatlichen Schutz nach Ausbruch meiner psychischen Krankheit. Ich habe mich revanchiert, indem ich per saldo der jetzigen roten Stadtspitze den Weg gebahnt habe. Wir sind quitt. - Ohne Politik hätte ich nach der zweiten Staatsprüfung auch weit draußen im Norden der engeren Heimat als Kreisbaumeister arbeiten können. Dafür reichte meine Staatsnote aus. Aber das Privileg, im Umfeld der nahen Großstadt unter Beibehaltung der urbanen Wohnung gutes Geld zu verdienen, war nur mit politischem Rückenwind zu haben. Der Behördenchef von den Freien Wählern war ein Schwarzenfresser und nutzte mich als roten Wadlbeißer. Meine schmale Begabung zum Wort überdeckte meine fachlichen Mängel und als er abtrat und seinem schwarzen Kontrahenten Platz machte, war ich bereits die unausrottbare Laus im Pelz auf Lebenszeit. Meine Versetzung zur Planungsbehörde der nahen Großstadt war deshalb nur eine Frage der Zeit. - Bei inzwischen aufgetretener Stigmatisierung verbrachte ich hier die siebzehn Jahre bis zum Vorruhestand mit dem Rücken zur Wand. Das reaktive politische Engagement reichte noch sechs Jahre und schirmte mich zunächst gegen Mobbing und Kaltstellung ab, aber die elf restlichen Jahre waren eine Zitterpartie. Alles in allem war mein fachlicher Output dabei nahezu plusminusnull. So wurde ich nach meiner vorerst letzten Akutphase als unnützer Esser in Pension geschickt. Mein Vorlauf bis zum politisch gestützten öffentlichen Dienst hatte in der Tätigkeit als Zeichenknecht in privaten Architekturbüros und dann als freier Planer bestanden. Daraus ergab sich keine ausreichende Rentenanwartschaft, so daß ich heute einzig von meiner Karriere als öffentlich-rechtlicher Sesselfurzer zehre. Daß sie siebzehn Jahre mit meiner Psychiatriekarriere vereinbar war, beruht wie gesagt auf Politik. Deshalb blicke ich auf meine biographische Politphase nostalgisch und ohne Zorn zurück. - Ich war als Ergriffener politisch aktiv und zuweilen radioaktiv, der Vorwurf des Opportunismus trifft mich nicht. Nach meinem Bruch mit der Arbeiterbewegung war ich noch je zwei Jahre Karteileiche bei politisch Grün und den Schwarzen, die mir als menschlich am wenigsten unangenehm vorkamen und damit meine Treue zum konservativen Lager an der Wahlurne begründeten, aber das war nur ein Windhauch im Vergleich mit der existentiellen Verflochtenheit meiner fünfzehn roten Jahre. So wie vorstehend hätte ich gestern texten müssen, aber mein Hang zur Selbstzerfleischung produzierte saure Makulatur, die heute in der Auftauphase im Papierkorb landete. Der Irrtum der Berufswahl und der Irrtum des reaktiven politischen Engagements in meinem Leben hatten einander neutralisiert. So is ois no amoi guad nausganga. Das gestrige Hauptmerkmal war mein Blick zurück ohne Zorn. Heute frage ich mich, welche Rolle meine Borsteikindschaft in dieser dra- matischen Erwerbsbiographie gespielt hat. Ich glaube, ich hätte ohne Marschallstab im Tornister nicht die treuherzige Chuzpe besessen, im ländlichen Raum mit des Kaisers neuen Kleidern Geld zu machen und obendrein noch eine Lebensversicherung zu erwerben. Auch die Versetzung zur Planungsbehörde der rettenden nahen Großstadt geschah natürlich nicht von ungefähr, sondern verdankte sich meiner mit Trick siebzehn angestrengten Klage wegen Verletzung der Fürsorgepflicht des Dienstherrn durch den neuen schwarzen Behördenchef, der sich zu Höherem berufen wußte und einen Makel auf seinem rechtsstaatlichen Ehrenschild nicht brauchen konnte. Da in der Großstadt der rote Original-Tartuffe gerade innerparteilich in Verschiß geraten war und nicht erneut zur Wahl gestanden hatte, saß ein Schwarzer an der Stadtspitze und es genügte ein Telefonanruf, um den Deal "Versetzung gegen Rücknahme der Klage” perfekt zu machen. - Mein damaliger fairer Peiniger hatte es inzwischen zum Kulturstaatsminister und obersten Chef auch meiner Frau gebracht und ist mittlerweile gleichfalls auf dem Altenteil, wie übrigens auch der rote Original-Tartuffe, der unter dem Machtentzug Qualen leidet und mit donquijotesken Bürgerattacken gelegentlich noch immer in der Zeitung steht. Meine damalige Symbiose als bunter Hund mit den Lokaljournalisten, denen ich Leserbriefe mit Spottgedichten auf den politischen Gegner lieferte, hatte mich jetzigen reichsfreien Zombie dazu bewogen, mich als freien Journalisten zu verstehen. Doch da ist Vorsicht geboten. Bei Anfrage kann ich nur auf meine Internet-Beiträge verweisen. Ich denke, ich bleibe besser "ein solcher". Mit der "Eigenschaft-als" hat es schon damals nicht sollen sein. Aber schön war es doch.
  •