Thema: Macht

Freitag, 21.5.2004. Gegen Ende gültigen schriftlichen Tuns ohne Vortagsanteil kam gestern ein liebreizender Vatertags-Anruf des Töchterchens, bei dem ich sogar Gelegenheit hatte, der respektvoll agnostischen bekennenden Oberflächlerin die Bedeutung von Christi Himmelfahrt gegenüber von Ostern und Pfingsten zu erläutern. Jetzt wisse sie also, was sie glauben müsse, wenn sie glauben würde, war die Reaktion. Der Rest des Gesprächs war unserer beider Professionalität gewidmet, wobei ich durch meine jüngste schriftliche Besinnung keine schlechte Figur machte. Eigentlich bin ich ja, trotz meines beruflichen Fehlstarts, hinter der Ziellinie nicht so schlecht plaziert, wie vermeint. Meine Tochter machte mir klar, daß ich immerhin trotz allem gutes Geld verdient habe und daß mehr Inhalt bei den allerallermeisten sowieso nicht drin ist. Daß meine Erwerbsbiographie durch kein Skelett im Schrank belastet ist, kommt noch hinzu. Ich habe alle unvermeidlichen Kämpfe mit offenem Visier ausgetragen. - Sogar der abschließende Schuß vor den Bug des roten Original-Tartuffe, der mir später den Ruf eintrug, ich sei der Mann, der die Stadtspitze ins Parlament der engeren Heimat aufs Altenteil geschickt und den Weg für den begabteren Kronprinzen gebahnt hatte, war Fair Play. Dabei holte ich mir freilich eine blutige Nase und hatte es dienstlich verschissen bis in die Steinzeit, aber noch heute erfüllt mich die Erinnerung an die Aktion, die auf einem abträglichen Gerücht mit dem deutlichen Beigeschmack von Wahrheit beruhte, das ich aufgriff, und bei der ich erstmals ehrenhaft im Nachrichten-, nicht Leserbrief- Teil der überregionalen Tageszeitung stand, mit tiefer Befriedigung. Das Gerücht betraf mangelnde Treue zu den Gefolgsleuten der ersten Stunde, und der Lebensgefährte meiner inzwischen verstorbenen Mutter drückte mir darob eisenhart die Hand und bekannte sich als alter Kämpfer sogar wahrheitswidrig zum ehemaligen und neuerlichen Parteigänger der Arbeiterbewegung. - Durch die Aktion war das innerparteiliche Vertrauen in die Stadtspitze unterminiert worden, das hatte bei deren gleichzeitiger finanzieller Mißwirtschaft die Sinn-Ressourcen erschöpft, so daß in der Mitte der nächsten Amtszeit eine Rochade auf ein Parlamentsmandat das Mittel der Wahl schien und den Weg für den bereitstehenden jetzigen Amtsinhaber freimachte. Das seinerzeitige schlappe Dementi des roten Original-Tartuffe hatte in der Presse mein Stigma thematisiert und damit meine bleibende Unversöhnlichkeit begründet, die heute nur noch darauf wartet, daß seine Todesanzeige vor der meinen in der Zeitung steht. Das alles konnte ich meiner positiv denkenden Tochter gestern natürlich nicht rüberbringen, aber es schwang in meinem Hinter- kopf bei unserem Telefongespräch mit. Wenn schon nicht fachlich, so war ich doch zu meiner Zeit ein ernstzunehmender politischer Profi nicht ganz nur im Verborgenen. Als solcher genährt durch Idee konnte ich gestern einen Fasttag leicht verkraften, strukturierte die Leerzeit bis Sachzwang Schreibmaschine alkoholisch, tippte den Tagestext, trank die Abendmaß, unterbrochen durch einen Anruf meiner Frau, und ging zu Bett. Das gestrige Hauptmerkmal war die Vergewisserung bezüglich meines offenen Visiers durch Dick und Dünn. - Heute im Erwachen glaubte ich, den obigen Vortagsanteil dem Papierkorb überantworten zu müssen, habe mich aber in der Auftauphase eines Besseren besonnen, weil die fragliche Episode biographisch von Belang ist und mich auch einmal von der wehrhaften Seite zeigt. Schon beim Steigbügelhalten für den roten Original-Tartuffe hatte ich gegen tausend Teufel gekämpft und letztlich obsiegt. Deshalb war mir seine nochmalige Spurtreue so angelegen und nur deshalb konnte ich bei der einzigen Blöße des Erzheuchlers nach sechs Jahren so beherzt zupacken. Anschließend war mir ein Stein vom Herzen, denn ich hatte mich zuvor durch mein Engagement zum Narren gemacht und mein Herzblut für einen Unwürdigen vergossen. Mein Parteiaustritt ein Jahr später war nur noch Formsache. Fünfzehn Jahre Arbeiterbewegung lagen hinter mir. - Heute votiere ich für das konservative Lager als rot gebranntes Kind ohne jede politische Akribie nach dem Motto "wird schon stimmen". Kraft Her- kommen hätte ich, ohne mein reaktives politisches Engagement, als Mitglied bei den Schwarzen vielleicht sogar einen Blumentopf gewonnen. Dann hätte ich heute eine "Eigenschaft-als", wäre aber "als solcher" nicht vorzeigbar. Denn Macht korrumpiert menschlich, deshalb hat es mit meinem roten Parzifalismus schon seine Richtigkeit. Als tumber Tor mit offenem Visier habe ich immerhin zeigen können, daß nackte Macht leichtverderbliche Ware ist. Freilich war auch ich auf den Leim gekrochen wie mein Vater. Mein Idol war Wehner, dessen Skelett im Schrank erst posthum ruchbar wurde. Sein C in der Politik war auch dem respektvollen Agnostiker, der ich war, ein Leitstern. Mit der neuen Parteiprogrammatik ist dieser untergegangen, weshalb ich dem großen Verein den Rücken kehrte. Heute genügt das C im Parteinamen der Schwarzen für mein Kreuzl in der Wahlkabine. Vermutlich bin ich eigentlich Anarchist. Auch recht. Inzwischen bin ich reichsfreier Zombie, da kommt es auf einen Schnaps nicht mehr an.