• Thema: Höflichkeit
  • Freitag, 14.5.2004. Nach gültigem schriftlichen Tun mit Vortagsanteil, weit über das Morgenfenster hinaus, hatte ich gestern die Sinnkrise vom Vortag definitiv überwunden. Darob griff ich natürlich zum Bier. Töchterchen Crux hatte bei ihrem mitfühlenden Telefonanruf vom Vorabend gemeint, ich sähe zutiefst unglücklich aus, würde aber nie jammern. Ob das an meiner "Seifen-Erziehung" läge? Damit meinte sie ein gewohnheitsmäßiges Diktum meiner Mutter, von dem ich ihr erzählt hatte. Mein Mütterlein pflegte nämlich bei einem langen Gesicht meinerseits zu sagen: "Was hast du denn auf dem Herzen, Junge? Zwei Pfund Schmierseife?" Die herren-rassische Verächtlichmachung von innerem Leid hatte mir tatsächlich von der Wiege an eingeschärft, daß der Indianer keinen Schmerz kennt, und dann in der Adenauerzeit den Werbespruch von Puschkin-Wodka "gelobt sei, was hart macht" als plausibel erscheinen lassen. Deshalb hatte meine Seifen-Erziehung den Durchhänger vom Vortag mit intensiven Schuldgefühlen betrachtet. - Mit seiner Überwindung hatte ich gestern auch wieder ein emotional reines Gewissen. Letzteres befähigte mich, einen Anruf von Bruder Efeu aus der Uni-Klapsmühle kurz vorm Aufbruch zur Aushäusigkeit zu parieren, wobei er mich vergeblich zu einem neuerlichen Besuch seiner Holden aufforderte. Nun muß die Sozialarbeiterin ihrer betreuten Wohngemeinschaft von Amts wegen einspringen. Nach dem Tochter- mahl zog mich dann in der Knacks-Klause ein frisch stationär runderneuerter Stammgast ins Gespräch, der mir sonst immer durch seine erhabene Stille aufgefallen war. Er ist nur acht Jahre jünger als ich, hat Germanistik studiert und es bis zum Studienrat z.A. gebracht. Die Verbeamtung auf Lebenszeit wurde durch die Krankheit vereitelt. Ich will ihn hier Bruder Tiefgang nennen, denn stille Wasser gründen tief.- Auf dem Nachhauseweg hatte ich am Trambahnhalt Gelegenheit zu einer weiteren Erprobung meiner emotionalen Intelligenz, als ein mit mir gleichaltriger Abgestürzter, mit dem ich auf seinen Wunsch per Sie bin, mir für eine Prise Tabak zum Selberdrehen eine Standardmünze im Wert einer Tasse Kaffee in die Hand drückte. Auch einer, der sich schämt, wenn er leidet, weil der Indianer keinen Schmerz kennt. Ratlos verleibte ich das Geld nach einiger Zeit meinem Portemonnaie ein. Am Umsteigebahnhof stieg er aus und winkte mir zum Abschied zu, stolz wie ein Spanier. Das gestrige Hauptmerkmal war die Entdeckung der Kategorie Emotion in meinem Leben. - Heute ist es zunächst einmal ein Aktivposten, daß nicht nach Textschluß wieder die Zeugen Jehovas auf der Matte stehen werden. Ihre Karikatur dessen, was mich unbedingt angeht, hatte mich monatelang zu selbstverleugnender gewinnender Höflichkeit gezwungen, die im übrigen ebenfalls meiner mütterlichen Seifen-Erziehung geschuldet war. Sich im Umgang mit dem Nicht-Ich zurückzunehmen war das oberste Gebot der auch durch Vorbild vermittelten Prägung durch die Kriegerwitwe. Im auswärtigen Dienst des Vaterlandes hätte ich mit diesem Rüstzeug vermutlich Karriere gemacht. Begünstigt wurde meine Erziehung zum Diplomaten durch das soziale Umfeld, eine kultivierte Wohnsiedlung in proletarischer Umgebung, nach ihrem Erbauer Bernhard Borst "Borstei" genannt. - Es war eine Dünkelburg durch die Kriegsereignisse abgesunkenen gehobenen Mittelstandes, ja sogar Adels und Großbürgertums. Die dort aufwachsenden Borsteikinder meiner Generation trugen sämtlich den Marschallstab im Tornister und sparten ihre Emotionalität gleich mir für eine präsumtive glanzvolle Zukunft, in der sie ganz groß rauskommen würden, um die Ehre ihrer Familien wiederherzustellen, die allermeist mit dem Führer auf das falsche Pferd gesetzt hatten. Auch meine Frau ist ein Borsteikind. Meine verballhornte Herkunft an der Seite des Lebensgefährten meiner verwitweten Mutter, eines alten Kämpfers, hat durch die Borstei ihren unverwechselbaren Eigengeschmack bekommen und dazu geführt, daß ich meinen Familiennamen lebenslang als große Peinlichkeit empfunden habe. Noch heute würgt mich ein Brechreiz, wenn ich auf dem Weg zum Westfriedhof mit den Familiengräbern meiner dort nahegelegenen engsten Heimat ansichtig werde. - Die Borsteikindschaft meiner besseren Hälfte drückt sich auch heute noch wie bei mir im Nichtneinsagenkönnen vor Zumutungen aus. Bis wir zwei mal Nein sagen, muß schon viel einschlägiges Beweismaterial gegen das jeweilige Ansinnen vorliegen. Bei mir wird das noch verschärft durch die Pflicht zu einem Christsein der Tat, die zu einer langen Kette von Nächstenliebesabenteuern mit anschließendem Katzenjammer geführt hat, ebenfalls ein Erbteil von meinem Mütterlein. Daß nun trotz alledem die Zeugen Jehovas von mir abgelassen haben, spricht für deren menschliches Format. Allerdings hatten sie auch ihr gesamtes Pulver verschossen, ohne bei mir einen Treffer zu landen, denn einfältig sind Borsteikinder nicht, nur höflich bis zum Beweis des Gegenteils. Sobald dieser vorliegt, wurde ich in meiner biographischen Politphase radioaktiv, jetzt reicht es nur noch für die kalte Schulter. "Höflichkeit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr", sagt der Volksmund. Schon möglich, aber ich möchte trotzdem nicht tauschen.
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