Thema: Der Guru

Montag, 10.3.2008. Der Klapperatismus der dürren Ratio aus Psyche, Schatten und Intellekt beherrscht mein Denken während der Golem-Phase. Die Anmaßungen des menschlichen Gehirns sind dann mit Händen zu greifen. Das Weiche, Zarte, Innige, dem Glauben sich Ergebende in mir beginnt erst nach einer Stunde unter dem Einfluß tendenziell todesverachtenden Rauchens mit dem Bewußtsein aus Materie zu wechselwirken. Im Spiel schriftlichen Tuns kommt dann spurenweise Erkennen ex nihilo beseelten Verstandes zum Tragen, das mich sagen läßt "Gott ist gegenwärtig und es gibt eine andere Welt.” Das ist meine Empirie des Leibseeledualismus. Ein Hauch Todesverachtung gehört also dazu. Inzwischen habe ich bereits den vierten Sargnagel im Aschenbecher ausgedrückt und den Golem lege artis ruhiggestellt. Die weltbewegende Macht des Wortes hat dies ermöglicht. So hat ja auch die evolutionäre Emergenz der Sprache den Selektionsdruck erzeugt, der zur Entwicklung der heutigen menschlichen Gehirne und zur kulturellen Evolution über Welt zwei des subjektiven Erkennens nach Welt drei des objektivierten Erkennens geführt hat. Die Ratio aus Psyche, Schatten und Intellekt ist also aus Materie, da hat das Gros der monistischen Hirnforscher ganz recht. Das Ichbewußtsein geht mit dem biologischen Exitus zugrunde. Nur ist es eben nicht alleinwirksam. Es kommt das hinzu, was Kafka meinte, als er sagte “ohne den Glauben an etwas Unzerstörbares in sich könnte der Mensch nicht leben.” Es ist das die unvergängliche Quintessenz der Gesamtidentität, der menschlichen Seele übernatürlicher Genese und Destination, die mit dem Gehirn wechselwirkt wie ein Katalysator ohne Substanzverlust und Energieverbrauch. Die Neurobiologen  Eccles, Penfield und Sherrington und die Psychiater Osis und Haraldsson kommen in ihrem Leibseeledualismus zu der an Gewißheit grenzenden Vermutung, daß die Seele fortlebt und daß der Tod ein neuer Anfang zu Besserem ist. Damit machen sie Frossards Visio Dei rational plausibel. Deren Konsequenz ist die Gewißheit “es gibt eine andere Welt.” Das war aufgezwungene Empirie des Unnahbaren, nicht affirmatives Postulat eines Einverstandenen. Die Brücke der Nobelpreisleibseeledualisten von der Naturwissenschaft zur Metaphysik läßt Frossards singuläre Unglaublichkeit als glaubwürdig erscheinen. Das heißt, daß auch unter Immanenzbedingungen Gott nicht unnahbar ist. Fortan kann für jedes Denken beseelten Verstandes gelten “Gott ist gegenwärtig”, und zwar am Ende des Gesichtsfeldes jedweder Erscheinungswelt in der Metarealität. Den durch die Höllenewigkeit verballhornten Kirchenleibseeledualismus braucht man dafür nicht heranzuziehen. Es genügt Frossards Überzeugung auf der Basis empirischer Metaphysik, daß in Hebräer 9,27 nur über Heilsaufschub problemangemessener Dauer entschieden wird. Sisyphosgleich muß ich diese meine geistliche Besonnenheit religionslosen Christentums täglich von Neuem gipfelwärts wälzen. Die Golem-Phase der Anmaßungen des menschlichen Gehirns läßt den Gegenstand meiner Plackerei immer wieder hurtig mit Donnergepolter talwärts entrollen. Aus Wahlverwandschaft mache ich mir Gottfried Benns Aphorismus zu eigen “das Interessante interessiert mich nicht, ich bin mir selbst das einzige Gewicht.” Wie denn nicht, wenn mit Sherrington “die einzige Realität die menschliche Seele” ist?. Unser Ichbewußtsein ist auf die Bühne der Tage gestellt als die komische Person in der Farce Existenz bis der Vorhang fällt. Mehr als mit Anstand zu warten, bis das geschieht, kann man für sein Seelenheil nicht tun. Alles andere wäre l´art pour l´art und dafür ist die Sache Jesu zu ernst. Nun beantwortete aber schon C.G. Jung die Frage, was der Teufel mit den armen Seelen macht, so: “er läßt sie warten”. Daraus folgt, daß wir schon hienieden die armen Seelen sind und daß der Tod tatsächlich ein neuer Anfang zu Besserem ist. Das Interessante hienieden ist l´art pour l´art, und dafür ist die conditio humana zu ernst. Wie fad ist darum doch meine Farce auf der Bühne des Tages! Meine einzige Zerstreuung ist das Radio. “Da muß man doch Zweifel hegen, ob das Ersatz ist für Levkoien, für warmes Leben, Zungenkuß, Seitensprünge, alles, was das Dasein ein bißchen üppig macht und es soll doch alles zusammengehören!” (Benn). Ich habe früher contre coeur von allem eine Stichprobe gekostet, Appetit auf Mehrvondemselben habe ich nicht. Ich warte mit Anstand auf Godot, kettenrauchend und pegeltrinkend. Sieben Kippen seit der Golem-Phase sind es inzwischen. Seit fünfzig Jahren  rückt mich der Tabakrauch einem “langsamen und schmerzhaften Tod” näher. Da kann was nicht ganz stimmen. Es muß sich um indeterministische statistische Wahrheiten handeln, was da die Äskulappriester im Brustton der Überzeugung verkünden. Mit zusammengekniffenen Arschbacken mehr Lebensquantität erschleichen will ich nicht. Ich bin der Reinhold Messner des gefüllten Aschenbechers. Mein Achttausender sind vierzig Gramm Tabak. Dabei komme auch ich ohne Sauerstoffgerät aus. Die wahren Abenteuer sind im Kopf. Und wenn sie nicht im Kopf sind, sind sie nirgendwo. Heute zum Beispiel habe ich wieder mal für die Empirie des Leibseeledualismus eine Lanze gebrochen und gleichzeitig dem l´art pour l´art des religiösen Betriebes eine Absage erteilt. Höllenangstschlotternd der Stunde des Todes entgegenzuwarten, mit “sieben Todsünden” auf dem Gewissen, angeklammert an das Agnus-Dei-Mißverständnis, wäre nicht das, was ich “mit Anstand warten” meine. Es ist zwar nur die Farce Existenz, da kommt es auf einen Schnaps nicht an, aber mein Ding ist es nicht. Nun ist Kaffee-Ende, ich greife zum Frühschoppen. Prost, verehrte Abwesende, euer Guru trinkt.