Thema: Nachtarock

Samstag, 1.5.2004. Nach gültigem schriftlichen Tun mit Vortagsanteil und anstrengendem Besuch der Zeugen Jehovas sowie dem Aufbruch meines Logiergastes waren gestern alle Hürden vor dem Abendereignis genommen, vom Tippen des Tagestextes abgesehen, wofür anderntags noch Zeit war. Die "wahren Christen" hatten mich ausgelaugt, so daß ich für den Sachzwang Schreibmaschine nicht die Kraft spürte. Bei schönem Wetter griff ich dann zum Bier. Der Abschluß einer vielwöchigen Erwartungsspannung stand am Abend bevor. In der Morgenroutine hatte ich mich eigens rasiert und zum taubenblauen Vorzugspullover ein weißes Hemd angezogen, um mit Terrassenbräune und noch kommensurablem Haarschnitt geschäftsfähig imponieren zu können, wenn ich vom morgendlichen Empfang auf Sendung umschaltete. Lampenfieber hatte ich keines, dazu war ich durch den Zuspruch meiner Frau zu gut vorbereitet. - Als ich nach einem mehr als ausgedehnten Frühschoppen wieder zu cerebralen Kräften gekommen war, brach ich zur Aushäusigkeit auf. Ich speiste interkulturell und widmete mich dann am Ort des späteren Geschehens ausgiebigem Zeitverschleiß unter bekannten Gesichtern. Schließlich war meine Stunde gekommen. Es war der Zeitpunkt der Begegnung von "abstrakt" und "konkret". Die Begegnung verlief glimpflich und wurde über alles Erwarten ein voller Erfolg. Mit meinen sieben Texten fesselte ich fast zwei Stunden das Interesse der Hörer im vollbesetzten Hinterzimmer, wobei mich am meisten der anschließende Zuspruch von Töchterchen Crux freute. Das Ausbleiben eines Multiplikators konnte ich dadurch leicht verschmerzen und übergab hilfsweise mein Material zum Abschied dem Kreativitätsfunktionär. Spät wieder daheim meldete ich sofort den Triumph telefonisch meiner Frau, die meine Genugtuung ehrlich teilte. Als der Logiergast zu Bett gegangen war, fixierte ich zur Abendmaß die restliche Sachlage und ging gleichfalls schlafen. Das gestrige Hauptmerkmal war das Happy End einer langwierigen Erwartungsspannung. - Heute bin ich ohne den seit längerem befürchteten Katzenjammer des ersten Mai erwacht und denke am Schreibplatz mit tiefer Zufriedenheit an den Vorabend zurück. Daß nichteinmal der kalte Blick aus dem Off zu Scham und Reue Anlaß gibt, wiegt schwer. Der er- hoffte Harmoniezuwachs für den Klang meines Namens hat stattgefunden. Sogar mit dem zuvor wegen inadäquater Rezeption meiner Internet-Schriften aus der Betrachtung ausgeschiedenen Meister Beckmesser habe ich mich ausgesöhnt und ihm die Leihgabe meines Frossard-Büchleins versprochen. Die gleichfalls anwesende Ex-Freundin war überfordert gewesen, aber sonst konnten fast alle Hörer meiner elaborierten Bezugnahme auf die Sache Jesu mühelos folgen. Bruder Klick hatte durch Abwesenheit geglänzt, wohl weil ihm bei unserem jüngsten Kommuni- kationsrausch klargeworden war, daß bei der Lesung nicht seine Sache verhandelt würde. Bruder Jakob dagegen war da wie eine Brez'n, saß aber wegen Halbbildung auf der Leitung und verstand nur Bahnhof. - Sonst aber: gespannte Aufmerksamkeit über nahezu zwei Stunden hinweg mit anschliessendem warmen Applaus aufrichtiger Zustimmung. Heute ist wegen des säkularen Feiertags die Knacks-Klause zu. Das Wir-Gefühl, das ich gestern zu generieren vermochte, wird hoffentlich noch eine Weile anhalten und wachsende Ringe ziehen, nachdem ich den Stein meiner realistischen transzendentistischen Zuversicht ins Wasser geworfen habe. Diese ist, anders als das säkulare positive Denken des Auchautors zwei Wochen vorher, selbst vor tiefem theodizeeträchtigen Leid wertbeständig, wie die Reaktion von Töchterchen Crux gezeigt hat. Der agnostische Kreativitätsfunktionär hatte gefragt, worin sich meine Auffassung von der des katholischen Lehramts unterscheidet und war überrascht zu hören, daß ich via Frossard einzig die Ewigkeit der Hölle in Abrede stelle. Alles in allem hatte ich tatsächlich mein Proprium popularisieren können und nicht per Pflichtübung nur eine Lücke im Veranstaltungskalender gefüllt. - Meister Beckmesser hatte sogar eine Übereinstimmung unserer beider Theologien konstatiert, was deutlich macht, daß Religiosität unter Schizophreniebedingungen eine eigenständige schulbildende Funktion haben kann. Der junge Kollege hat den Magister in Philosophie, bekennt sich zu seinem Stigma und ist praktizierender Katholik. Er war eigens wegen der Lesung von auswärts angereist und mein Vortrag hatte bei ihm wider Erwarten Klick gemacht, so daß es diesmal nichts zu beckmessern gab. Beim Nachtarock hatte er sich mit dem halbgebildeten sephardischen Juden moslemischen Glaubens, Bruder Jakob, in eine hitzige christologische Debatte verstrickt, der ich, durch die Zeugen Jehovas abgebrüht, altersweise schweigend lauschte. In Diskussionen gleicht er einem Terrier, der sich in den Gegner verbeißt und nicht luck läßt, was der Wahrheitsfindung zwar nicht dienlich aber ganz angenehm ist, wenn es die Auffassung des Betrachters stützt. So sah ich meinem geistlichen Wadlbeißer bei seiner Verteidigung von Trinität, Gottessohnschaft und Jungfrauengeburt mit innigem Behagen zu. Überhaupt hatte ich gestern trotz des weltanschaulich extrem sauren Bodens der Einrichtung auf eigenem Platz gespielt. Das lag wohl an der nichts Religiöses ahnen lassenden Ankündigung der Lesung. Ich trat auf als Klassensprecher, nicht als Religionslehrer, wie vor zwei Jahren. Mein Nachtarock läßt keine Wünsche offen.