Thema: Täglich Brot

Donnerstag, 12.6.2003. Bis auf ein Depressionsnickerchen war gestern nur reiner Basisverlauf, inklusive Leibesübung Eintopfkonserve. Ich war stolz, daß ich mir aus eigener Kraft und ohne fremde Hilfe den Magen füllen konnte, ohne dem hungernden Sechstel der Menschheit etwas wegzuessen. Zwei Dollar am Tag für Nahrungsaufnahme ist auf der reichen Nordhalbkugel nicht unbescheiden. Nach dem Ende der Aktion spülte ich gleich unter heißem Wasser die Schüssel, in der ich per Mikrowelle die Magenfüllung warmgemacht hatte, und sagte halblaut vor mich hin "grazie, ho mangiato". Mit diesen stolzen Worten hatte ich einst in Süditalien einen Armen die Einladung eines Bessergestellten zum opulenten Wohltätigkeitsmahl ausschlagen hören. Es prägte sich mir unauslöschlich ein. - In meiner Muttersprache bringt "danke, ich habe gegessen" eine Selbstverständlichkeit zum Ausdruck. Hierzulande hat in der Regel jeder schon mehrmals am Tag gegessen und bei einer Einladung ist es nur die Frage, ob noch was reinpaßt. Im bitter armen italienischen Süden dagegen ist Nahrungsaufnahme Status und berechtigt zu Stolz. Ich fühlte mich gestern auf der Seite derer, die mit der Vaterunserbitte, das tägliche Brot betreffend, noch eine existentielle Vorstellung verbinden und nicht den gefüllten Einkaufswagen im Supermarkt meinen. Der Völkermord durch Hunger, den der globalisierte Welthandel neoliberal bei einem knappen Sechstel der Menschheit anrichtet, manifestiert sich ex negativo auch in den Supermarktregalen der reichen Nordhalbkugel. Gehe ich Dienstags einkaufen, sage ich mir deshalb bei Tengelmann immer "s'ist leider Krieg, und ich begehre nicht schuld daran zu sein". Dann verschwinde ich so schnell wie möglich mit meinen Eintopfkonserven und bin an der Kasse schon amtsbekannt als der Kunde mit dem monotonen Geschmack. - Ansonsten meine ich mit meiner einschlägigen Vaterunserbitte nur noch Kaffee, Tabak und Bier, was zusammen täglich mit acht Dollar zu Buche schlägt. Mit meinem neuen Reichtum kann ich von der Wochenbarschaft zwei Sparraten abzweigen und behalte trotzdem noch das Anderthalbfache dessen übrig, was mich das tägliche Brot im weiteren Sinne kostet. Man kann also sagen, ich schwimme im Geld, ohne mir mehr Kraut rauszunehmen als mir, global betrachtet, zusteht. Mein Reichtum drückt sich nur in einer Restaurantmahlzeit wöchentlich aus, im übrigen existiere ich auf Penner-Niveau, vom Dach überm Kopf abgesehen. Weniger als Eintopf, Kaffee, Bier und Tabak hat hierzulande auch ein Obdachloser nicht. Bruder Efeu, der de facto obdachlos ist und wohl nicht mehr lange bei seiner Holden unterkriechen kann, dürfte mir demnächst wieder ins Haus stehen. Wenn ich ihm meine eigenen vier Wände erneut zugänglich mache, erfülle ich nach Lage der oben vermerkten Dinge also in vollem Umfang meine aus der Bergpredigt erwachsende Christenpflicht und kann Spendenaufrufe von Wohltätigkeitsorganisationen weiterhin in den Papierkorb wandern lassen. S‘ist leider Krieg, und ich begehre nicht schuld daran zu sein. Es gibt schuldigere und vermögendere Spender als mich, mein Obolus wäre nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Mit milden Gaben ist dem Völkermord durch Hunger nicht beizukommen. Zuerst müßten sich die Bewohner der Nordhalbkugel strukturell weniger Kraut rausnehmen. - Gestern war im Radio der Autor des Buches "Wie kommt der Hunger in die Welt?", Jean Ziegler, im Angebot. Sein Buch ist in Frankreich Schulbuch geworden. Vielleicht hilft Aufklärung und Er- ziehung tatsächlich ein bißchen. Die Globalisierung des Welthandels ist ja keine Himmelsmacht und kann von Menschen wie ein Supertanker auch wieder umgesteuert werden. Der Eisberg ist in Sicht, aber finanzielle Trockenübungen in den Rettungsbooten helfen nicht weiter. Deshalb ignoriere ich selbst die elaboriertesten Bettelbriefe. Wenn Nahrungsaufnahme auch hierzulande Status ist und zu Stolz berechtigt, sehen wir weiter. Erst wenn der tägliche Durchschnittskonsum landesweit zehn Dollar nicht übersteigt, wird m e i n Sparschweinchen kraft Bergpredigt spendenpflichtig.