Thema: Der Tag dazwischen

Samstag, 3.4.1999. Liturgisch ist heute ein seltsamer Tag. Einmal Grabes- ruhe des Herrn, zum anderen das descendit ad infernos des apostolischen Glaubensbekenntnisses. Der spätere Kardinal Hans Urs von Balthasar hat in seiner eindringlichen Karsamstagstheologie damit das Ausleeren der Hölle verbunden und die apokatastasis panton des Ketzers Origines durch die Hintertür in den Dogmenkanon eingeschleust. Mir ist dieses kalenda- rische Brachland für die Endlagerung des Hakenkreuzes auf Golgatha zum wichtigsten Tag des Kirchenjahres geworden, an dem der theologisch-philosphischen Denknotwendigkeit der universalen Essentifikation auch im offiziellen Jahreskreis eine Nische eingeräumt ist. Karsamstag bedeutet mir, daß es für die Krankheit zum Tode auch jenseits des Grabes noch eine Medizin gibt und daß ewige Verdammnis fahrlässiger Biblizismus ist, der Jesu Lebensleistung, seine Bürgschaft für die Liebe Gottes, für nichts achtet. Nur zwei Drittel aller Bewohner des Landes glauben noch an Gott, von diesen wieder nur ein Fünftel an den Gott Jesu. Diese Abstimmung der He- rzen ist nicht gegen die Transzendenz, sondern gegen den religiösen Betrieb gerichtet, den auch ich meide. Christus wollte die Wahrheit sein, die sich zum Einzelnen verhält, und der Betrieb unterliegt dem Gesetz der Menge. Es war Menge, die geschrien hat “Kreuzige!” und es war ein Einzelner, der das Kreuz tragen half. Auch jesuanischen Geist verachtender Biblizismus ist ein “Kreuzige!” und dies mag es sein, was die Herzen der vielen Einzelnen ins Exil des Atheismus oder der religiösen Beliebigkeit getrieben hat. Mein Privatchristentum ist gleichfalls so ein Exil. Heute begehe ich den Tag der äußersten Radikalisierung des Kreuzes, der Erlösung derer, die das Heil verwirkt haben. Es schweigen die Kirchenglocken und lautlos ereignet sich das Mysterium letzter Gnade. Die Sonner scheint. Sie scheint auf Gerechte und Ungerechte wie auf Christen und Heiden. Und Gott vergibt Ihnen beiden.

Samstag, 14.4.2001. Meine Sache wird verhandelt am Karsamstag. Dessen Gedenken ist seit der Theologie des nachmaligen Kardinals von Balthasar mit dem Ausleeren der Hölle unter Wahrung des Höllendogmas verbunden. Da ich auf den Gottesbegriff nach Ausschwitz nicht von der Qualseite, sondern von der Frevelseite zugehe, kann ich dem lenkenden Schaffen bei Vermeidung der Theodizeefalle die Allmachtsqualität erhalten, weil ich das descendit ad infernos im Credo im Sinne der Karsamstagstheologie für die ontologische Denknotwendigkeit der universalen Essentifikation dienstbar mache. Verkürzt gesagt, wird heute ultimativem Frevel letzte Gnade zugesprochen. Nach wel- chen purgatorischen Modalitäten freilich Himmler in den Himmel kommt, damit nicht Liebe ohne Gerechtigkeit strukturlos und Gerechtigkeit ohne Liebe substanzlos bleibe, ist vollkommen unausdenkbar. Das Mysterium Christi ist heute am absolutesten. Wer gestern auf historisches Kreuzworträtsel erkannt hat, wird dem Karsamstag keinen Wert beimessen, mir aber ist er die kalendarische Goldmedallie mit den Kehrseiten Crux und Swastika. Das Böse will mitleben. Wenn es aber in der transzendenten Ein- heit aller drei Modi der Zeit nicht kompostiert wird, ergibt sich heilige Materie mit ständiger Blinddarmentzündung. Die Lösung dieses Problems hält das Credo eines Drittels der Menschheit mit dem descendit ad infernos einen Türspalt offen den Hans Urs von Balthasar mit seiner dogmatisch astreinen Karsamstagstheologie genutzt hat, welche der dogmatisch libertären Eschatologie Paul Tillichs die Hand reicht. Eigentlich ist es das biblische Mauerblümchen des paulinischen Pan-e-theismus, der heute im Kalender blüht. Ich will in diesem Sinne die Christrosen draußen neben der Terasse als natürliche Kunde dessen nehmen, daß der ganzen Schöpfung Gnade werde. Es sind die vollkommensten Karsamstagsblumen.