Thema: Gingkoblatt

Montag, 9.6.2003. Bis auf einen Diffusanruf der Ex-Freundin, ein Depressionsnickerchen und das späte Telefonat meiner Frau aus Griechenland war gestern nur Basisverlauf, wobei ich schon den zweiten Tag fastete. Vom unweit gelegenen Biergarten, den ich eigentlich besuchen wollte, um die Leibesübung Eintopfkonserve zu vermeiden, schallte blasmusikalisch ein Prosit der Gemütlichkeit herüber, das verdarb mir den Appetit. Der Tagestext glänzte zunächst internetfähig, hält aber heute dem kalten Blick aus dem Off nicht stand. Ein "na ja" ist der einzige Kom- mentar, zu dem ich mich nach dem Wiederlesen in der Auftauphase verstehen konnte. Kein Fall von Kleistscher Marionettengrazie, sondern ein Fall von Seele im Ellbogen des Schauspielers, der sich talentlos um Wirkung bemüht. Das liegt hier am Stoff. Wenn der Sitz im Leben nichts anderes ist als die kalendarische Adresse eines kirchlichen Großereignisses und ich in meiner Eigenschaft-als, nämlich als Laiendogmatiker, Stellung nehme, kann eigentlich nur leeres Stroh dabei herauskommen. - Immerhin habe ich allerdings meinen Wortschatz bezüglich dessen, was letztlich zählt, ein bißchen erweitert. Neu ist auch die Hereinnahme von Bewußtsein aus Materie mit der Abgrenzung von transzendenzunmittelbar gesetztem Selbst-Bewußtsein, also Geist, und die Tom Sawyers Lichterfahrung geschuldete Einsicht, daß Geist Liebe ist, nicht Überlebenskompetenz. Deshalb ist der Text vielleicht trotz seiner Mängel angebotswürdig. Daß im Menschen transzendenzstämmiger Geist auf Bewußtsein aus Materie aufruht, habe ich mir bisher nicht klargemacht. Es nimmt dem Gegensatz von Gehirn-Geist-Dualismus nach Popper und Eccles und der herrschenden monistischen Meinung der Nobelpreiskultur viel von seiner Schärfe. - Im Grunde ist es aber nur logisch, daß der kentaurischen Menschennatur aus somatischem Unterbau evolutionärer Provenienz und denknotwendig trans- zendenzunmittelbar gesetzter Einzigartigkeit des Selbst auch eine Dichotomie der Bewußtseinstätigkeit entspricht. Andernfalls wäre ja beispielsweise das gesamte kollektive Unbewußte nur ein flatus vocis und kein empirisches Faktum, bis hin zur Leugnung der Realität des Archetyps des Schattens, mit der ich so lebendige leidvolle Erfahrungen gesammelt habe. Deshalb hat meine gestrige späte Einsicht gegen Textschluß für mich etwas Entlastendes, weil ich mir, wenn ich schlecht drauf bin und auf dem Proppen sitze, sagen kann, nicht ich bin's, sondern meine Natur ist's. - Tom Sawyers Lichterfahrung zeigt, daß mein Postulat der göttlichen Essentifikation des Humanum im Darüberhinaus des Grabes, nach den Prinzipien des Wandels in Treue, den metaphysischen Tatsachen entsprechen könnte, denn Tom Sawyer ging aus seiner Begegnung mit dem Licht als ein anderer hervor, der sich treu geblieben war. Bewußtsein aus Materie gewährleistet Überlebenskompetenz, transzendenz-stämmiger Geist befähigt zu Wissen und Liebe. Nur diese beiden letzteren kann man mit hinübernehmen, sagen die Thanatologen. Daß unsere Natur von der Evolution ausgestattet ist, zu überleben, nicht zu erkennen, macht es dem transzendenz-stämmigen Geist schwer, zu wissen und zu lieben. Er ist ja nicht Herr im Haus, sondern allenfalls Gast auf Erden. Seine Herkunft ist auch seine ewige Heimat. - Den heutigen Pfingstmontag verstehe ich als die kalendarische Adresse des Beginns der verfaßten Kirche, nachdem man über dem Pfingstwunder eine Nacht geschlafen hat und den ersten Schritt tut auf dem langen Marsch durch die Jahrtausende, um die Sagbarkeit des Ewigen zu tradieren bis in unsere Tage. Dieses Wissen ist nicht Überlebenskompetenz, es ist Geist, man kann es mit hinübernehmen. Deshalb ist Papas Tagebuch gar nicht so ohne, wenn es mir auch manchmal so vorkommt. Aber dann kann ich mir neuerdings sagen: Nicht ich bin's, sondern meine Natur ist's. Denn meine Identität ist dichotom wie ein Gingkoblatt. Solange nicht Dr. Jekyll und Mr. Hyde draus werden, hat es damit seine botanische Richtigkeit der Einheit in Zwiefalt, vom Schöpfer vorgebildet als Symbol bipolaren ganzen Menschseins auf Erden. Der Gingkobaum ist erdgeschichtlich weit älter als der Frühmensch. Schon lange vor dem aufrechten Gang waren dessen ontologische Konsequenzen botanisch angekündigt. Seit diese Konseqenzen sich manifestierten, greift Genesis 3, die Basis des Mysteriums Christi. Wer weiß, vielleicht ist der Baum der Erkenntnis ein Gingkobaum? "Ab ligno mors" würde dann bedeuten, daß die natürliche Ruchlosigkeit von Bewußtsein aus Materie wie alle Kreatur todverfallen ist, während "ab ligno vita" die eschatologischen Konsequenzen der Folgenlosigkeit einer Erkenntnis von Gut und Böse der dichotomen Identität tilgt und der göttlichen Essentifikation des Humanum im Darüberhinaus des Grabes den Weg bereitet.