Thema: Pfingstromantik

Sonntag, 8.6.2003. Die Reisenden glücklich an Bord, der Rasen gemäht und ich rasiert und geduscht. Das war abends auf der Terrasse nach programmgemäßem Verlauf des Tages mein triumphierender Zwangsgedanke in der gegen Null gehen- den Kurve beseelter Bewußtseinstätigkeit. Leider verdöste ich am Radio das Wort des Kardinals zum heutigen Pfingstsonntag, auf das ich mich eigentlich als auf eine Anregung zur Lösung der Hauptaufgabe anderntags gefreut hatte, da der Diskurs des Kardinals mir schon öfter zu Herzen ging. Heute Abend schon wollen mich meine beiden mobilen Herznachbarn vom Haus meiner Frau in Griechenland anrufen, weil die Schiffspassage wegen des gewählten näher am Ziel gelegenen Fährhafens kürzer dauert als gewöhnlich. Die Situation ist also im Griff, von der Unmöglichkeit abgesehen, wegen des entgangenen Wortes zum Sonntag die Ausgießung des Heiligen Geistes kompetent zu bedenken. Mehr noch als bei allen anderen Themen des Katechismus ist meine geistliche Besonnenheit nämlich bei der dritten Person der Trinität auf Kirche und Lehramt angewiesen. C.G.Jungs Vater, der reformierte Pfarrer Achilles Jung, bekannte auf eine Frage des Sohnes, vom Heiligen Geist habe er nie was verstanden. Ich behelfe mich mit dem Bild der Bogenlampe. Vater und Sohn als Anode und Kathode und der von beiden ausgehende Heilige Geist als der Lichtbogen dazwischen. Darauf komme ich wegen der berühmten Nahtoderfahrung von Tom Sawyer, der klinisch tot an der Schwelle des Umgreifenden in ein Meer von unsäglich hellem aber nicht blendenden goldenen Licht eintauchte und dabei die unabweisbare Empfindung von totaler, unendlicher, bedingungsloser Liebe hatte. - Nachdem Frossards Theophanie-Erfahrung von einer bläulichen Lichterscheinung des liebenden Vatergottes Jesu spricht, bin ich davon überzeugt, daß Tom Sawyer dem Heiligen Geist begegnet ist. Mein Bild der Bogenlampe trägt nun dem westkirchlichen "filioque" Rechnung, das die erste Kirchenspaltung ausgelöst hat. Kein Fachtheologe, sondern der Kaiser hat auf dem Konzil gefordert, der Heilige Geist müsse auch als vom Sohn ausgehend gedacht werden, filioque eben. Die Ostkirche, die schon beim Karfreitagsverständnis an- dere Wege geht und den Pantiokrator, nicht den gekreuzigten Weltheiland, in die Kirchenkuppeln malt, fand die Forderung des hochgestellten Laientheologen blasphemisch und so kam es zur tausendjährigen Spaltung, die bis heute andauert. - Geistes Gegenwart seit dem Pfingstwunder wird von beiden westkirchlichen Konfessionen immer wieder pro domo in Anspruch genommen, ich kann damit leider nichts anfangen. Nach Tom Sawyers Lichterfahrung müßte das sich anfühlen, tut es aber nicht. Umso bedauerlicher, daß ich gestern Abend den besonnenen Kardinal verpaßt habe. Wohl ist biblisch der Heilige Geist der Kirche von Jesus Christus als Beistand verheilen, wenn man aber die sich darauf berufende Unheilsgeschichte des Christentums betrachtet, mag man nicht an ein verbum ipsissimum glauben, sondern an eine redaktionelle Denkfigur der nachösterlichen Gemeinde. Daß bei der Menschwerdung der zweiten Person der Trinität die dritte Person eine generative Funktion hatte, scheint mir dagegen durch Frossards fast uneingeschränkten Blankoscheck für das katholische Lehramt in vollem Umfang gedeckt. Es dürfte auch der Grund für die Haltung der Ostkirche zum "filioque" gewesen sein. Die Präexistenz Christi allerdings macht den ostkirchlichen Einwand hinfällig. Die Meta- phorik meiner Bogenlampe berücksichtigt auch die Präexistenz. So ein schlechter Laiendogmatiker bin ich gar nicht. Schon der Kaiser hat ja gezeigt, daß ein blindes Huhn auch einmal ein Korn findet. A propos Huhn: ich spreche den Tieren Bewußtsein nicht ab. Es mag durchaus, durch die Arten evolutionär aufsteigend, der Materie entstammen. Aber Selbstbewußtsein, also Geist, ist etwas anderes. Es ist wegen der Einzigartigkeit des Selbst denknotwendig nicht evolutionären Ursprungs, sondern transzendenzunmittelbar gesetzt. Insofern ist die weiße Taube ein sub- optimales Symbol des Heiligen Geistes. Ich bevorzuge die Bogenlampe. Sie ist Menschenwerk, eine Manifestation des produktiven Denkens, also geistnäher als Bewußtsein aus Materie des noch so numinosen Vogels. Geist ist Liebe, nicht Überlebenskompetenz. Das lerne ich von Tom Sawyers Lichterfahrung. Darum ist Licht das Symbol der Wahl für den Heiligen Geist.