Thema: Die Sache

Samstag, 7.6.2003. Drei Anrufe, ein Schneidersgang zum wegen Krankheit geschlossenen Kopierladen, ein Besuch im benachbarten Biergartenrestaurant und ein darauffolgendes Depressionsnickerchen gingen gestern über den reinen Basisverlauf hinaus. Der Sohn bemerkte am Telefon, daß mein Finanzverwalter ihm nicht sein künftiges Zusatzgeld überwiesen hatte, Bruder Efeu fragte nach Post und meine Frau verabschiedete sich vorm Zubettgehen für die Reise, die sie anderntags früh antreten wollte. Jetzt sind also meine beiden Herznachbarn schon unterwegs. Der Kopierladen war aktuell, weil ich ein Deckblatt für Papas Tagebuch entworfen hatte, das für den "Marabu", die "Abendsonne", das "Innenland" und insgesamt zehn geplante Folgen des "Zeitforschungsjournals" gebraucht wird. - Diese Vereinheitlichung ist Ausdruck der neuen Bescheidenheit, die in Klarheit und Wahrheit allen literarischen Schnickschnack nach den dreizehn Deckblättern relativiert, welche sich nur noch durch die Nummern unterscheiden sollen. Es ist ein mutiges Langzeitprojekt im Vertrauen auf die Verschonung meiner Tage, denn ich habe noch nicht einmal ganz zwei Nummern mit Inhalt gefüllt. Nun muß ich im Zuge der nächsten Dienstagserledigungen kopieren. Der faktischen Monostruktur meines schriftlichen Tuns seit der Pensionierung ist durch die neue Fassade Rechnung getragen. Von vorher sind nur das Erstlingsmanuskript "Großvaters Schweigen" und der kurze Essay über den Himmel des Glaubens noch von Belang. - Wenn alles gut geht, liegen vor mir etwa sieben Jahre, in denen ich als Schreibtierchen täglich meine Buchstabennetze weben kann. Mit dem Sand am Ufer des Zeitflusses mit sporadischem Goldstaub in situ für geistliche Fourtyniner habe ich meine gültige Form gefunden; die elaborierte Chronik innerer Ereignisse mit Sitz im Leben ist zwar nicht gesellschaftlich relevant, aber doch von allgemeinem Humaninteresse und insofern mehr als nur Tagebuch im landläufigen Sinne. Gerade weil ich nicht Zeitzeuge bin oder in einer Eigenschaft-als schreibe, kann ich in eine Marktlücke stoßen. Ich biete an die Innenseite eines Menschen, mit nichts als einer schmalen Begabung zum Wort, im Zeitablauf. Chronistische Fakten mit alsbaldigem Verfallsdatum halte ich so knapp wie möglich und bemühe mich, sie darüberhinaus strukturell zu stilisieren, um sie mit den allein relevanten inneren Ereignissen verknüpfen zu können. - Trotz rückhaltloser Ehrlichkeit kann von einem intimen Tagebuch keine Rede sein. Ich lebe wie ich schreibe und umgekehrt. Etwaige Peinlichkeiten läßt mich mein Sprachgefühl entschärfen und diskutabel machen. Spannend wird es, wenn es mir gelingt, eine kleine Sagbarkeit des Ewigen mit Sitz im Leben dingfest zu machen, also Goldstaub in situ im Sand am Ufer des Zeitflusses für geistliche Fourtyniner aufzuspüren. Der kalifornische Goldrausch von achtzehnhundert- neunundvierzig lockte hunderttausende an die Ufer des Sacramento River. Sie wurden Fourtyniner genannt und nicht wenige von ihnen machten ihr Glück. Wieso sollte da nicht auch mein Angebot eine Marktchance haben? Meine Zeit-Forschung heißt, die mir widerfahrende Zeit auf Herztöne der Ewigkeit abzuhorchen. Dazu braucht es existentielle Negentropie, das Standhalten gegen die Kräfte des Ekels und des Verfalls nach dem Entropiegesetz. Einschlägige Zwischenberichte könnte man seins- strukturelle Studien nennen. Wenn man so will, ist damit mein gesamtes schriftliches Tun charakterisiert. Ich schreibe nämlich nicht l'art pour l'art, sondern aus sachlichen Gründen. Wenn ich meinen ganzen Mut zusammennehme, kann ich sagen, es geht mir um die Sache Jesu im Alltag, um seine Lebens- und Sterbensbürgschaft für den liebenden Vatergott auch im Grau in Grau. Wo ein Pfarrer ist, ist immer Sonntag. Meins aber ist der Ernstfall des tagein tagaus.