Thema: Angstschweiß

Dienstag, 3.6.2003. Beseligend, verstörend oder gar nicht sein wird das Leben nach dem Tod. Das war heute nach dem Erwachen, als mein Schatten Auslauf hatte, das Thema meiner unbeseelten Bewußtseinstätigkeit. Weit mehr als die elegante Lösung des Ganztodes fürchte ich, im Darüberhinaus des Grabes mit Mehrvondemselben konfrontiert zu werden. Da mir geistliche Besonnenheit im Erwachenselend nicht zu Gebote steht, war darum diesmal die Zeit bis zum Aufstehen besonders qualvoll. Es braucht nämlich zumindest einen winzigen Herzensfunken, der wert ist, einer beseligenden Jenseits-Lösung teilhaftig zu werden, um sich vorzustellen zu vermögen, daß die Transzendenz sich von der Immanenz so fundamental unterscheidet wie das Urbild vom verballhornten Abbild und daß deshalb im Umgreifenden nach den Prinzipien von Wandel in Treue die Karten neu gemischt werden können. Anscheinend hat die Denkfigur Wiedergeburt unter Immanenzbedingungen bei meinem heutigen Morgenschrecken Pate gestanden. - Die ist zwar schon durch die exponentielle Zunahme des Menschengeschlechts widerlegt, von unauflösbaren Widersprüchen der Karma-Gesetzlichkeit ganz zu schweigen, sie hält sich aber in ihrer optimistischen Variante zunehmend hartnäckig in der westlichen Mittelklasse bis hin zu der verdienten Pionierin der Türspalt-Metaphysik Elisabeth Kübler-Ross. Ihr habe ich deswegen die Gefolgschaft aufgekündigt, aber das hilft nicht gegen die zählebige Extrapolation des existentiellen Status Quo über den Tod hinaus. Die elegante Lösung des Ganztodes scheidet für mich wegen der Nahtoderfahrungen und wegen der Falsifikation des Gehirn-Geist-Monismus durch Popper und Eccles aus dem Rennen. Also muß sich die Mühe darauf konzentrieren, nach jenem winzigen Herzensfunken zu suchen, der wert ist, einer beseligenden Jenseits-Lösung teilhaftig zu werden. - Im Erwachenselend ist da bei mir natürlich Fehlanzeige, da harrt nur ein unbeseelter Erdenkloß der Morgenroutine entgegen. Aussichtsreicher sind schon die zwei Stunden produktiven Denkens am Schreibplatz im Zustand beseelter Bewußtseinstätigkeit, dessen Kurve sich bis abends wieder asymptotisch der x-Achse annähert. Heute treten noch die Dienstagserledigungen und morgen ein Besuch beim Hautarzt hinzu. Ich habe wenig Hoffnung, daß sich außer meiner pathologischen Selbst- und Fremdwahrnehmung vom Zombie und den Fischteichen etwas Nennenswertes ereignet, Befundlosigkeit beim Arzt natürlich vorbehalten, zumal meine Frau und mein Sohn, der Hauch offenes Meer in meinen Zwischenmenschlichkeiten, am Freitag nach Griechenland verreisen. - Auch retrospektiv werde ich nicht fündig. Gestern war außer einem Depressionsnickerchen reiner Basisverlauf, wobei ich schon den zweiten Tag fastete. Am Nachmittag meldete sich überschüssiges Bewußtsein und lieferte den Wortimpuls für die Abfassung des l'art pour l'art des Nachworts zur letzten Text- sammlung, das ich anschließend in die Maschine tippte und auf Halde legte. Glücklicher machte mich das auch nicht. Der Tagestext war existentielle Klage unter Vermeidung des Theodizeeproblems mit hinzutretender Erbaulichkeit, also tendenziell geistlich und etwas mehr als nur Sand am Ufer des Zeitflusses; aber ohne den erstrebten Status von Goldstaub in situ zu erreichen. Seinesgleichen machte dann das Nachwort zum Thema. Nur schade, daß mich niemand liest. Im Dialog über mein schriftliches Tun hätte ich am ehesten eine Chance, jenes winzigen Herzensfunkens ansichtig zu werden, der einer beseligenden Jenseits-Lösung wert ist. So aber werde ich noch manches Morgengrauen in kalten Angstschweiß gebadet verbringen müssen, denn die Extrapolation des existentiellen Status Quo über den Tod hinaus ist unausrottbar. Das "qui vivra verra" des Bonvivants steht mir leider nicht zu Gebote. Mein eschatologischer Beitrag ist der Angstschweiß, horribile dictu.