Thema: Grenze

Samstag, 31.5.2003. Seit meiner Pensionierung bin ich schriftstellerisch tätig und veröffentliche im Internet, Arbeitsgebiet Theologie der Grenze. So beschied ich neulich auf Anfrage eine verirrte Anruferin, eine Cousine meiner Frau in Kenia. Auf ihre Frage, was für eine Grenze das sei, konnte ich nur ausweichend antworten. Ich strebe ja nach einer kleinen Sagbarkeit des Ewigen mit Sitz im Leben der unverwechselbaren Kostbarkeit auf der Zeitachse eines jeden meiner verschonten Tage. Insofern ist es eine Grenze des Innenlandes, keine Grenze in der Welt. Vielleicht die Grenze zwischen Glaube und Unglaube wie bei Tillichs apologetischem Christentum, allerdings ohne zunftgemäßes theologisches Rüstzeug. Eine jener kleinen Sagbarkeiten ergab sich gestern in Bezug auf Gottes erhaltendes Schaffen im, meiner hypochondrischen Sorge gewidmeten, Tagestext. Mein Claim "Theologie der Grenze" führt manchmal solchen geistlichen Goldstaub in situ, doch in der Regel ist die Lösung der täglichen Hauptaufgabe nur Sand am Ufer des Zeitflusses. - Da gestern über den Basisverlauf hinaus neben einem ausgedehnten Depressionsnickerchen nur ein Postanruf von Bruder Efeu und ein merkmalloser Rückruf von meiner Frau kurz vor Zapfenstreich war, wobei ich auch noch fastete, kann das heutige Ergebnis meines produktiven Denkens eigentlich nur Sand am Ufer des Zeitflusses sein. Zwar ist der "Morgenbösewicht", wie meine Frau das nennt, überwunden und meine Bewußtseinstätigkeit seit einer Stunde beseelt, aber das Material reicht für geistlichen Funkenschlag nicht aus, nichteinmal von unverwechselbarer Kostbarkeit auf der Zeitachse kann gesprochen werden. Im Innenland theologisch unbewaffnet die Grenze zwischen Glaube und Unglaube abzuschreiten, heißt mit einem hohen Risiko des Strauchelns zu leben. Das Fürwahrhalten ist bei mir wegen Frossards fast uneingeschränktem Blankoscheck für das katholische Lehramt kein Problem, aber Fürwahrhalten macht den Glauben nicht aus, sondern das Ergriffensein von dem, was einen unbedingt angeht. Und da ist mein glanzlos-heroisches Christsein des Einzelnen vor Gott im Schützengraben der nackten Selbstkonfrontation wegen des freiwilligen Verzichts auf Kategorie Menge deutlich unterernährt. - Der gegenwärtig stattfindende ökumenische Kirchentag führt mir wohl per Radioschall vor Augen, daß ich ohne Menschenbad geistlich nichts verpasse, aber ein emportragendes Wir-Gefühl habe ich seit der Politphase meiner Biographie nicht mehr verspürt. Doch vielleicht befugt mich gerade meine geistliche Einsamkeit dazu, jene Grenze im Sinne Kierkegaards immer wieder abzuschreiten. - Bekanntlich ist die Erde ja eine Scheibe, und man muß aufpassen, daß am Rand niemand runterfällt. Das ist sozusagen mein Job im universellen Christsein der einskommaacht Milliarden. Natürlich habe ich auch als katholischer Laie theologisch eine blasse Ahnung. Nämlich vor allem durch Paul Tillichs apologetisches Christentum, das um den Preis äußerster Schwerverständlichkeit den Unglauben ad absurdum führt. Ich habe den Code von Tillichs systematischer Theologie geknackt, das berechtigt mich, meinen Claim am Ufer des Zeitflusses "Theologie der Grenze" zu nennen, obwohl ich nur gelernter Architekt bin, der akademisch seinen Beruf verfehlt hatte. Immerhin sind dafür die Ergebnisse meines produktiven Denkens gratis zu haben. Ich kann es mir leisten, den Markt zu unterlaufen. Mein Angebot ist Goldstaub in situ am Ufer des Zeitflusses, da hat noch kein professioneller Mittler Regie geführt. Juwelen gibt's ja schon beim Juwelier. Meins soll durch existentielle Authentizität die Grenze durchlässiger machen für geistliche Hungerleider, die nie einen Juwelierladen betreten würden. Ich bin einer von ihnen, nur eben von der anderen Seite.